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Weltanschauung.
das Leben, soweit es sich ihr näherte, bis zur letzten kleinen
Schöpfung des Kunsthandwerks und griff auch weithin ein in
die Gebiete ferner liegenden geistigen Lebens, in den Kreis sitt—
licher Vorstellungen, in die Tummelplätze metaphysischer Speku—
lation, ja selbst in die abgelegenen Felder der Wissenschaft; es
wird davon noch die Rede sein. Und bedarf es noch weiterer
Ausführung, daß diese neue Kultur der Kunst auch sonst das
Leben mit dem Dufte ihres Daseins erfüllte? Daß unter
ihrem Einfluß die Schätzung der praktischen Berufe zunahm
und ihnen zugleich gern ein künstlerisches Motiv untergelegt
ward, daß die Erziehung wieder ästhetische Werte zu bevorzugen
begann, daß der Kultus und die Pflege des menschlichen
Körpers im Sport erwuchs, daß das Leben im ganzen heller,
freudiger, willensstärker ward, daß die ständige pessimistische
Grundnote des subjektivistischen Zeitalters ins Leisere zu ver—
hallen begann? Man vergegenwärtige sich die neuen Welten,
die im Erblühen anderer spezifisch ästhetischer Kulturen er—
standen sind, die Welt der Ritterzeit des 12. Jahrhunderts
etwa und die der Kultur seit etwa 1750, und man ziehe die
Unsumme von Vergleichen mit der Gegenwart, die sich als—
bald aufdrängen, um den ganzen Umschwung zu empfinden.
Was aber war die innerste Bewegungsursache dieses Um—
schwungs? An dieser Stelle unserer Übersicht kann es mit
einem Worte ausgedrückt werden: die Reizsamkeit, die ins
Schöpferische umgesetzte Fähigkeit bewußter Perzeption neuer,
bis dahin wesentlich vorstellungslos gebliebener innerer Reiz—
ergebnisse. Diese Reizergebnisse liegen, genauer betrachtet,
zwischen der vollen alten Vorstellung und der bloßen nervösen
Reizung; sie haben von beiden etwas, jedenfalls fehlt niemals
das sinnliche Element. Hervorgerufen werden sie durch
Spannungen und vornehmlich durch eine ganze Reihe solcher
hintereinander, eine Reihe, die man wohl am besten als
Schwebung bezeichnen kann: durch Spannungen und Schwe—
bungen also, die ohne Lösung oder wenigstens ohne genügende
Lösung bleiben. Der Erfolg ist der des Ahnungsvollen, des
unklar Erwartenden, des sehnsuchtsvollen Dranges ins Neue,