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Die Menschen im Betrieb.
zeit oder den Mitarbeiter selbst, sondern sie griffen über in das private Leben
außerhalb der Dienstzeit, auf den Kreis der Familie.
Durch den Bau von Werkshäusern oder die Unterstützung des Erwerbs oder Baus von
Eigenheimen wurde versucht, die Mitarbeiter seßhaft zu machen, sie dem Betrieb fester zu
verbinden und ihnen ein geruhsames und befriedigendes Dasein außerhalb des Dienstes zu
verbürgen. Durch die Einrichtung von Werkssparkassen und Yersicherungsmöglichkeiten
gegen Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit, Alter und Unfall, gegen Tod und Arbeitslosigkeit
wurde versucht, über die gesetzlichen Vorschriften hinaus Abhilfe gegen die Notfälle des
Lebens zu schaffen. Aus besonderen Mitteln wurden in dringenden und plötzlichen Fällen
Darlehen oder Zuschüsse gewährt. Über die gewerbepolizeilichen und gesetzlichen Vorschriften
hinaus ging man durch Unfallverhütungs- und hygienische Einrichtungen und Aufklärung
gegen die Gefahren für die Gesundheit und Leben inner- und außerhalb des Betriebes vor.
Die Festigung und Wiederherstellung der Gesundheit der Betriebstätigen und ihrer Ange
hörigen wurde überwacht durch Betriebsärzte und Pflegerinnen oder in eigenen Kranken
häusern, Brholungs- oder Ferienheimen durcbgeführt. Die gelegentliche oder regelmäßige
Beschaffung von billigen Lebens- oder Gebrauchsmitteln (Kleidung, Schuhe), die verbilligte
Abgabe von Speisen und Getränken im Betrieb (Kantinen), die Fürsorge für Frauen und
Kinder (Mütter- und Haushaltskurse, Kinderbewahranstalten, Beratungsstellen) unterstützten
die allgemeine Lebenshaltung. In den letzten Jahren wurde das Augenmerk besonders seitens
der Betriebe auch auf die Freizeitgestaltung geworfen: durch bewußte Pflege von Geselligkeits-
und Belehrungskreisen, durch Schaffung oder finanzielle und ideelle Unterstützung von
Turn- und Sportgruppen, Theater- und Musikabteilungen, durch die Einrichtung von Werks
büchereien und Leseräumen, durch welche die Gefolgschaft mit billigem und gutem, aber auch
mit betrieblich zweckmäßigem Lesestoff versehen wurde.
Gerade dieser letztere Zweig der betrieblichen Sozialpolitik ist für die großen Ange
stelltenbetriebe, als welche sich die großen Waren- und Kaufhäuser, die Banken- und Ver
sicherungsunternehmungen kennzeichnen, wie überhaupt für die kaufmännischen Mitarbeiter
aller großen Betriebe von Bedeutung geworden; gerade diese Schicht der Mitarbeiter — im
Gegensatz zum Arbeiter, der diesen Einrichtungen aus politischen Gründen oft mehr Miß
trauen entgegenbrachte — ist für sie aufnahmefreudig gewesen.
Nicht zuletzt ist die Einrichtung von Werkszeitungen zu erwähnen, die — richtig ge
staltet — sehr wohl das Ziel einer möglichst engen geistigen Verknüpfung von Betrieb und
Gefolgschaft zu erreichen fähig sind. Indem sie allgemein über alle betrieblichen und mensch
lichen Neuigkeiten innerhalb der Arbeitsgemeinschaft unterrichtet und für Aufklärung in allen
notwendig erscheinenden Fällen eintritt, kann sie in großen Betrieben geradezu als unent
behrlich betrachtet werden. Vor allem die Schaffung eines Gesamtüberblicks und von Ein
blicken in die technischen und organisatorischen Zusammenhänge, die Erklärung des Sinnes
und der Arbeitsweise einzelner Abteilungen, die Darstellung der Entwicklung und des Standes
des jeweiligen Betriebes im Rahmen der Gesamtwirtschaft, aber auch die Erläuterung wirt
schaftlicher, technischer oder die Mitarbeiter unmittelbar betreffender Maßnahmen (Ent
lassungen, Gebote, Verbote u. a.) sind Arbeitsgebiete der Werkszeitung. Daneben ist natürlich
Raum zu geben für persönliche Mitteilungen aller Art (Todesfälle, Einstellungen, Heiraten,
Jubiläen), für die geselligen und belehrenden Veranstaltungen, für die Beeinflussung des
persönlichen Verkehrs untereinander und die Einbringung von Beschwerden und Verbesse
rungsvorschlägen, die nach Möglichkeit bezüglich ihrer Brauchbarkeit eingehend erörtert
werden müßten.
Allein diese reine Aufzählung der heute in fast jedem Großbetrieb in mehr oder
minder großem Umfang durehgeführten Sozialpolitik gibt ein eindrucksvolles Bild
von den Ausmaßen und eine Vorstellung von den Schwierigkeiten, mit denen sie
zu kämpfen hat, zumal das Objekt, der lebendige Mensch, mit allen seinen Eigen
arten in seinem Verhalten launisch und vor allem von außen beeinflußbar ist.
Nicht zuletzt aber sind diese Umwege, welche die Betriebe im Sinne eines gedeih
lichen Zusammenarbeiten und einer Förderung ihrer Mitarbeiter einschlagen
mußten, recht kostspielig, was besonders dann ins Gewicht fällt, wenn — aus
inneren Schwächen und Fehlern oder aus äußerer Gegenwehr — ihr Erfolg frag
würdig war oder sogar ganz ausblieb. In den Jahren vor 1933 lag die Initiative
für die Maßnahmen der betrieblichen Sozialpolitik in erster Linie bei den Unter
nehmern. Durch die Schaffung der Deutschen Arbeitsfront und ihrer einzelnen
Ämter (Sozialamt, Kraft durch Freude, Schönheit der Arbeit u.a.) ist heute die
Gefolgschaft viel stärker bei der Schaffung und Ausgestaltung der einzelnen