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schaffenden Kapital, aber es wäre auch ein Unrecht, wenn man
dem Kapital nicht Lebens- und Entwicklungsmöglichkeit lassen
wollte. Der Kampf um das Recht ist bisher aus dem Gesichts
punkte heraus geführt worden, daß das Maß des Rechtes, das ein
jedes dieser Glieder besaß, als das Recht betrachtet wurde, dem
gegenüber jede Änderung ein Unrecht war. Aus dieser Ideenwelt
müssen beide Parteien heraus und es muß zu einer Neueinstellung
beider kommen, in der nicht gegenseitiger Kampf, sondern In
teressengemeinschaft den Ausgangspunkt bildet. Verheerend hat
das Schlagwort gewirkt, die Allgemeinheit sei der Staat, und des
halb sei das Prinzip, „alles dem Staate und durch den Staat
wieder dem Einzelnen“, die einzige Lösung für die neue Wirt
schaft. Diese Lösung ist aber schon aus dem Grunde unerreich
bar, weil die historische Entwicklung Rechte geschaffen hat, die
unüberwindlich sind und deren Verteidigung einen gegenseitigen
Vernichtungskampf bedeuten würde. Aus diesem Grunde ist auch
die Sozialisierung undurchführbar, ganz gleich, zu welchem
Zeitpunkt und in welchem Entwicklungsstadium man an sie heran-
gehen will.
Der Sozialindividualismus in der Wirtschaft.
Die Prinzipien, mit denen man bisher an die Lösung des sozialen
Gegensatzes herangegangen ist, waren entweder universal oder
individualistisch. Man fand die Brücke zwischen diesen beiden
grundsätzlichen Gegensätzen nicht, weil man nur mit ihren bis
herigen Auswirkungen in der Politik und Wirtschaft zu operieren
gewohnt war. Der Individualismus hat das ungeheure Ver
dienst der modernen industriewirtschaftlichen Entwick
lung. Bei der Auseinandersetzung mit der universalistischen Auf
fassung, die im Staate verkörpert ist, kam das Solidaritätsprinzip
zur Geltung. Aber auch der Solidarismus war dem Individualismus
so stark entgegengesetzt, daß er nicht zum Wirtschaftsfrieden
führen konnte und auch künftig diese Fähigkeit nicht besizt.
Die Gegensätze zwischen Universalismus und Individualismus
werden in einem gesunden allgemeinen Sozialindividualismus
aufgelöst, weil dieser auf der organischen Entwicklung weiter
bauen kann. Der Sozialindividualismus faßt die Volkswirtschaft als
ökonomisch sozialen Organismus, in dem der Einzelne sich
als Glied des Ganzen fühlt und zur Aufgabe hat, auf dem