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Das klassische Altertum.
Ed. Meyer, Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums. Jahrb. f. Nat.-
Oekon., 3. F., Bd. IX, 1895.
Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. 3. Aufl, Tübingen 1901.
Beloch, Die Bevölkerung der griech.-römischen Welt. Leipzig 1888.
n Ders Zur griech. Wirtschaftsgeschichte, in Wolfs Zeitschrift f, Sozialwissen-
schaft 1902.
Unsere Wissenschaft ist eine durchaus moderne; weder das Alter-
tum noch das Mittelalter kennen eine Lehre von der Volkswirtschaft.
Obwohl die gewerbliche Thätigkeit und das ganze wirtschaftliche
Getriebe im klassischen Altertume eine sehr hohe Ausbildung er-
langten, unterließ man theoretische Untersuchungen derselben, und nur
ganz vereinzelt wurden von hervorragenden Männern praktische Fragen
des wirtschaftlichen Lebens näher betrachtet und allgemeine Schlüsse
daran geknüpft.
Die wirtschaftlichen Leistungen jener alten Zeit sind vielfach
sehr unterschätzt. Man braucht aber nur auf die enormen Bauten,
wie der Cyklopenmauern, der Pyramiden hinzuweisen, um zu erkennen.
daß die Vereinigung von Arbeitskräften schon damals Gewaltiges zu
leisten vermochte. Es erscheint uns rätselhaft, wie die gewaltigen Fels-
massen und großen Quadern zum Teil aus entfernten Gebirgen, wie
zu den Grundmauern des Salomonischen Tempels, mit den geringen
Hilfsmitteln und auf ungeebneten Wegen herbeigeschafft und dann auf:
einander getürmt werden konnten. Nicht nur der Betrieb der Land-
wirtschaft ist bereits namentlich am Nil, in Sizilien und der italienischen
Halbinsel in großer Blüte gewesen, sondern auch das Handwerk hatte
eine Entwickelung erlangt, die in den Leistungen vielfach über die
modernen hinausging. Es genügt, an die Kunstschätze, die uns aus
jener Zeit, z. B. durch Ausgrabungen in Pompeji überliefert sind,
namentlich an die Arbeiten des Kunstgewerbes zu erinnern, an die uns
noch erhaltenen Vasen, Goldgeschmeide, die uns hauptsächlich durch
Abbildungen und Schilderungen bekannten Waffen, wie den Schild des
Achill. Dieses Gewerbe hatte zur Zeit des Perikles sogar vielfach
den Charakter des Großbetriebes angenommen, wie durch eine Anzahl
eklatanter Beispiele belegt ist.
Der ausgedehnte Handel jener Zeit 1äßt erkennen, daß auch nicht
nur für den heimischen Bedarf, sondern auch für den Export gearbeitet
wurde. Griechenland exportierte Getreide, Wein, Honig, Früchte,
dann Häute, Hausgerät aller Art und Waffen. Es bezog dafür aus
Phönizien, Aegypten, dem Orient Leinwand, kostbare Stoffe, wie die
Purpurzeuge, Teppiche, Salben und Gewürze; aus Phönizien speziell
Geschmeide und Glaswaren. Der außerordentliche Luxus des alten
Rom setzt nicht nur den verschiedenartigsten Gewerbebetrieb voraus,
sondern auch den ausgedehntesten Handel des weit verzweigten Reiches.
Aus allem geht hervor, daß die wirtschaftliche Thätigkeit im Geringes
Altertum bereits eine außerordentlich vielseitige war und in hohem Interesse für
Maße volkswirtschaftlichen Charakter ‚angenommen hatte. Gleich- ak
wohl hat sie die Aufmerksamkeit der hervorragenden Männer nur wenig 16 EL
auf sich zu lenken vermocht. Der Grund dafür ist in einer gewissen "
Mißachtung der wirtschaftlichen Arbeit von seiten der leitenden Männer
zu suchen. die als die Aufgabe des hochentwickelten Staatswesens