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wo sich eine Ueberfüllung zeigte, oder es einen Strike zu unterstützen
galt, und sie dorthin zu leiten, wo höhere Löhne zu erreichen waren.
Eine Thatsache ist es, dass die grösseren Trade-Unions vollständige
statistische Bureaus einrichteten, um sich über die Lohn- und Preis-
verhältnisse in den verschiedenen Landesteilen zu orientieren und
danach ihre Massregeln zu treffen. Insbesondere suchten sie vor dem
Ausbruche eines Strikes, den ein Zweigverein ins Leben rufen wollte, sich
zenau über die Konjunkturen der betreffenden Branche, sowie die Lage
der in Rede stehenden Etablissements zu informieren, um festzustellen,
ob eine Lohnerhöhung unter den vorhandenen Konkurrenzverhältnissen
möglich und gerechtfertigt sei. Es ist vorgekommen, dass Delegierte
von ihnen nach Deutschland, speziell. Westfalen geschickt wurden, um
die dortigen Lohn- und Produktionsverhältnisse festzustellen und zu
antersuchen, ob eine Erhöhung der Löhne in. England, wie es die
dortigen Unternehmer behaupteten, es unmöglich machen würde, mit den
deutschen Unternehmungen zu konkurrieren. Nur wenn auf Grund der
Erhebungen ein Strike gerechtfertigt und Aussicht auf Erfolg vorhan-
den zu sein scheint, giebt der Zentralvorstand seine Zustimmung und
unterstützt die Feiernden durch Zuschüsse aus der Zentralkasse. Unter-
nimmt ein Zweigverein die Arbeitseinstellung auf eigne Hand ohne Zu-
stimmung der Zentralleitung, so verzichtet er damit auf jede Unterstützung
derselben. Da nun die Zentralverwaltung dadurch eine grosse Verant-
wortung auf sich nimmt, und die von ihr am unrechten Orte ausge-
yebenen Summen anderen Unternehmungen entzogen werden, so ist sie
natürlich zu grösster Vorsicht veranlasst und bestrebt, Strikes eher zu
verhindern, als zu begünstigen.
Ausser diesen erwähnten Aufgaben haben die Trade-Unions stets
allgemeine Bildungszwecke verfolgt und sehr viel zur Errichtung von
Lesehallen, Volksbibliotheken, Abhaltung von Vortragskursen, aber
auch durch Einrichtung von Schulen gethan, sowohl von Elementar-
schulen, so lange die Regierung dafür nichts that, als von Fachschulen.
Ursprünglich waren die Trade-Unions nur den gelernten Arbeitern
vorbehalten und umfassten daher gewissermassen nur die Aristokratie
der Arbeiterklasse, wie ihnen das oftmals vorgeworfen ist. In der
neueren Zeit hat sich dieses geändert. Schon Anfang der achtziger
Jahre trat unter den Arbeiterinnen eine Bewegung hervor, sich in
einer ähnlichen Weise zu organisieren, wie die Männer, und dies
blieb nicht ohne Erfolg. Dieselben erfreuten sich besonderer Sym-
pathien bei den Damen der hohen Aristokratie Englands, welchen
dieselben mit erheblichen Mitteln und ihrer Autorität unterstützten,
dann überzeugten sich allmählig auch die Vertreter der alten Trade-
Unions, dass es sich hier um bedeutsame Bestrebungen handelte, die
auch ihnen selbst nur zu Gute kommen konnten. Denn gelang es
die Löhne der Frauen in die Höhe zu setzen, so wurde ihnen
damit eine erhebliche Konkurrenz abgenommen. So haben sich diese
weiblichen Frauenvereinigungen mehr und mehr herausgebildet und
bereits zur Verbesserung der Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen bei-
getragen. In den Jahren 1888/89 gesellten sich zu den erwähnten
Vereinen noch solche der ungelernten Arbeiter hinzu, indem nach einem
grossen Strike der Dockarbeiter in London dieselben eine feste Organi-