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ein. Zwar wurde Lagrange zum Kriegsminister ernannt, doch
dauerte seine Amtsperiode nur wenige Wochen. Seine unlautere
Handlungsweise bei der Rettungsaffäre wurde bald entdeckt, und
Anfang Januar 1808 entfernte er sich von Kassel unter Zurück
lassung seines Portefeuilles. Natürlich blieb man nicht dabei stehen,
die mitschuldigen Beamten zu Ersatzleistungen heranzuziehen oder
in Strafe zu nehmen, sondern man setzte die Recherchen, für die
ja nunmehr deutlich die Wege gewiesen waren, nach allen Seiten
fort. Zuerst wandte man sich gegen die bei der Affäre beteiligten
Bankhäuser. Die Bücher des Legationsrats Jordis-Brentano in
Kassel wurden mehrfach gewaltsam untersucht, und bei den Haupt
depositären Freye & Jordis in Frankfurt wurden „ängstliche Haus
suchungen“ abgehalten, über deren Verlauf und Ergebnis wir aber
nichts Genaueres erfahren. Jedenfalls blieben die deponierten Kisten
unberührt 206 . Im Jahre 1807 oder 1808 wurde auch bei Meyer
Amschel Rothschild Haussuchung gehalten. Man vermutete bei
ihm Depots des Kurfürsten und wollte sich derselben bemächtigen.
I atsächlich hatte Rothschild damals sein Depot noch im eigenen
Gewahrsam, es gelang ihm jedoch unter Preisgabe eigenen Besitzes
die anvertrauten Akten in Sicherheit zu bringen.
Bei dieser Gelegenheit waren Darmstädter Kupons in die
Kisten gelangt. Die Kisten waren demnach geöffnet worden, was
bei der Rücklieferung nach Kassel im Frühjahr 1814 Aufsehen
erregte. Weshalb waren sie geöffnet worden? Ich erkläre mir
den Vorgang folgendermaßen. Das ihm anvertraute Depot hatte
Rothschild aus Gewissenhaftigkeit nicht in seinem Warenmagazin
auf dem Trierischen Hofplatz, auch nicht in seinem Geschäftslokal
in der Schnurgasse verwahrt, sondern im Keller seines Wohnhauses
in der Judengasse. Darauf deutet auch die Ausdrucksweise des
einzigen Dokuments über diese Sache, des Briefes an Buderus vom
12. Mai 1814 (s. Aktenstücke). Als die Haussuchung bevorstand,
handelte es sich darum, das anvertraute Material so rasch wie
möglich zu retten. Es lagerte im Hauskeller. Von dort sollte es
in den Hofkeller verbracht werden (s. Anm. 1). Der Gang aber,
der in diesen Geheimkeller führte, war zu schmal, um die Kisten
hindurchzubringen. Man mußte sich daher entschließen, die
Akten herauszunehmen, ln dem Geheimkeller aber lagerten die
Kupons von unverkauften Darmstädter Obligationen. Man hatte
sie dorthin gebracht, um jeden Versuch eines Mißbrauchs unmöglich