Full text : Finanzwissenschaft

I.  Abschnitt.  Die  staatswirtschaftliche  Regierung.

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schaftliche  Bildung  besitzen,  daß  er  die  Erfordernisse  des  Staates,
die  Bedingungen  seiner  Größe  erkenne,  daß  er  nicht  durch  Einschränkung ­
  und  Deteriorierung  der  wichtigsten  Funktionen  des
Staates  die  Ordnung  des  Staatshaushaltes  anstrebe,  sondern  er  betrachte ­
  es  als  Ziel,  die  Summen,  welche  zur  vollen  Befriedigung
der  Staatsaufgaben  nötig  sind,  herbeizuschaffen,  ohne  mit  unerträglichen ­
  Lasten  das  Volk  zu  bedrücken.  Er  soll  ein  weitblickender ­
  Staatsmann  sein,  der  die  politischen  Interessen  des  Staates  nicht
vom  Pfennigstandpunkte  beurteile.  Sehr  richtig  sagt  Macaulay  von
Grenville,  daß  er  kein  anderes  Interesse  kannte,  als  das  sich  in
Pounds,  Shillings  und  Pence  ausdrückt,  so  führte  ihn  diese  unglückselige ­
  Richtung  zur  Schaffung  der  Stampakte,  die  die  Losreiß ­
  ung  Nordamerikas  zur  Folge  hatte  und  deren  Endresultat  darin
bestand,  daß  gerade  die  von  ihm  so  gefürchtete  Staatsschuld  bedeutend ­
  zunahm.  Der  Finanzminister  soll  seine  Kollegen  zwingen,
daß  sie  die  materiellen  Bedingungen  der  Existenz  des  Staates
achten,  dagegen  soll  er  deren  berechtigte,  dem  Staatsinteresse
dienenden  Bestrebungen  honorieren 1 ).  Unter  allen  Umständen  aber
soll  er  über  genügende  volkswirtschaftliche  Kenntnisse  und  Einsicht
verfügen,  daß  er  erkenne,  welches  die  eigentlichen  Quellen  des
Staatseinkommens  sind  und  mit  aller  Kraft  danach  streben,  dieselben
zu  entfalten,  dieselben  mit  Schonung  zu  behandeln  und  den  Reichtum ­
  des  Staatshaushaltes  auf  den  Reichtum  des  Volkes  als  dessen
festester  Stütze  aufbauen.  Er  muß  konservativer  Natur  sein 2 ),  denn
die  Staatswirtschaft  gestattet  am  allerwenigsten  häufige,  plötzliche,
radikale  Veränderungen.  Deshalb  ist  es  auch  zu  wünschen,  da
das  Finanzministerium  nicht  zu  oft  den  Herrn  wechsle  (seit  18
währt  in  Frankreich  die  Dauer  eines  finanzministeriellen  Regimes
durchschnittlich  nur  ein  Jahr).  Der  Minister  halte  vor  Augen,  daß
die  gewohnten  Lasten,  die  gewohnten  Unannehmlichkeiten  und  amtlichen ­
  Überwachungen  weniger  schmerzen,  als  jene,  welche  die  hiervon
bisher  nicht  berührten  Teile  des  Organismus  erfassen.  Hierzu
kommt,  daß  radikale  Umgestaltungen  auch  die  Interessen  ^S  taatshaushaltes ­
  beeinträchtigen  können.  Auch  die  Geschichte  lehrt,  dali
gründliche  Umwälzungen  des  Finanzsystems  in  der  Regel  nur  in

n  Vach  Gladstone  gleicht  der  Finanzminister  einem  Wanderer,  der  einen
dichten  Wald  durchschreitet  und  den  auf  Schritt  und  Tritt  Räuber,  namhch
seine  Kollegen  anfallen.  —  Die  zeitliche  Verwirklichung  der  Staatszwecke  muß
mit  der  zeitlichen  finanziellen  Kraft  des  Staates  in  Einklang  gebracht  werden
und  „möglichstvielGeld  soll  mit  möglichst  wenig  Unzufriedenheit  herbeigeschafK
  weiden  j£orawal^_ re  exper i men ts  d’anatomie  sur  des  corps  vivants“
(Necker).
            
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