Full text: Kapitalismus und Sozialismus

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„Und du glaubst wirklich, die Kapitalisten würden da ruhig gehorchen, 
wenn zum Beispiel ein roter Reichstag beschließen würde, alle Fabriken 
sollen den Arbeitern gehören, die in ihnen arbeiten?" erwiderte Wilhelm. 
Glaubst du denn, die Negierung würde es überhaupt so weit kommen 
lassen? Da würde sie schon früher das Parlament auseinandersprengen." 
„Und glaubst du, das würden wir uns gefallen lassen?" schrie nun 
Karl wieder aufgeregt. „Wenn das geschieht, da haben nicht dw Arbeiter, 
die Sozialdemokraten, die Revolution angezettelt, sondern die Regierung, 
die Kapitalisten. Dann würden wir aber unser Recht zu verteidigen wissen." 
„Das hoffe ich auch," erwiderte ich. „Aber besser ist es natürlich, wenn 
wir es nicht auf solche Kraftproben ankommen lassen müssen. Gerade des 
halb sind unsere Organisationen und die Wahlen so ungeheuer wichtig^ Sie 
zeigen unseren Gegnern, aber auch uns selbst, unsere Macht und Stärke. 
Unsere Abgeordneten in den Parlamenten haben ein so gewichtiges Wort zu 
reden, weil jeder weiß, daß die ungeheure Masse nicht nur der Wähler, 
sondern insbesondere der Organisierten hinter ihnen steht. Je stärker wir 
sind und je stärker wir uns zeigen, um so weniger werden die Gegner es 
wagen, uns anzugreifen. Bei uns bewahrheitet sich wirklich das alte Wort, 
das für die Beziehungen der Staaten ganz falsch geworden ist: Wenn du 
den Frieden willst, mußt du zum Kriege rüsten." 
„Wie kommt es denn aber eigentlich," meinte nun Wilhelm nach 
denklich, „daß überall auf der ganzen Welt die sozialdemokratischen Stimmen 
und die Zahl der Organisierten zunehmen? Ich habe erst kürzlich in einer 
Zeitungsnotiz die Zahlen gelesen: aber dieses Anwachsen der Sozialdenw- 
kratie ist doch Wohl nur ein Zufall." 
„Durchaus nicht," fiel Karl ein. „Unsere Agitation klärt eben immer 
weitere Schichten des Proletariats auf und zeigt ihnen, welche Partei ihre 
Interessen verficht und nie verrät. Da ist es doch kein Wunder, daß sich 
immer mehr Arbeiter dieser Partei anschließen, die immer für sie eintritt." 
„Das ist aber nicht alles," ergänzte ich. „Ter stärkste und inächtigstc 
Agitator und Organisator der Sozialdemokratie, der nie erlahmt und 
ermüdet, das ist der Kapitalismus selbst: denn er läßt zwar die Betriebe 
immer größer werden, er vereinigt immer kolossalere Vermögensmassen in 
wenigen Händen, er macht die Rolle des Kapitalbesitzers immer überflüssiger, 
weil die Leitung dieser Riesenbetriebe immer mehr von bezahlten Lohn 
arbeitern besorgt wird, von den Ingenieuren, Buchhaltern, Direktoren 
u. s. w.: zugleich aber vereinigt der Kapitalismus immer gewaltigere Ar 
beitermassen in diesen Betrieben und gewöhnt sie an organisiertes Zu 
sammenarbeiten, an Disziplin und Manneszucht, er vereinigt ^ immer 
kolossalere Massen solcher Arbeiter in den Großstädten, wo sie miteinander 
in Verkehr treten und sich gewerkschaftlich und politisch zusammenschließen. 
Darum hatten Marx und Engels recht, als sie irrt „Kommunistischen 
Manifest" schon im Jahre 1847 voraussagten: „Die Bourgeoisie hat nicht 
nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen, sie hat ottcE^ die 
Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden — die modernen Arbeiter, 
die Proletarier." Karl Marx hat diesen Gedanken später in seinem gewaltigen 
Werk, dem „Kapital" weiter ausgeführt. Und die Sätze, in denen er dort 
seine Anschauungen zusammenfaßt, sind seither weltberühmt geworden. 
Ich will sie euch vorlesen." 
Ich nahm den ersten Band des „Kapital" vom Bücherregal, schlug 
Seite 727 auf und las meinen gespannt lauschenden Hörern vor:
	        
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