Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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25  Jahre  lang  steht.  Da  wurde  jedem  Arbeiter  feierlich  ein  Heft  eingehändigt, ­
  in  dem  die  Geschichte  des  Werks  erzählt  war.  Natürlich  war
schrecklich  viel  Lobhudelei  für  den  Fabrikanten  dabei;  aber  interessiert  hat
es  mich  doch,  weil  aus  dem  kleinen  Betrieb  die  jetzige  Riesenfabrik  geworden
ist.  Und  da  sieht  man  deutlich,  wie  die  lebendige  Arbeit  fortwährend  zurückgedrängt ­
  worden  ist  durch  die  kalten,  herzlosen  Maschinen.  Der  Wert  der
Anlagen  ist  heute  zehnmal  so  groß  als  vor  25  Jahren.  Die  Zahl  der  Arbeiter
hat  sich  in  dieser  Zeit  nur  verdoppelt."
„Dann  sollte  man  doch  meinen,"  warf  hier  Wilhelm  ein,  „daß  auch
der  in  der  Fabrik  erzeugte  Wert  nur  doppelt  so  groß  ist  als  vor  25  Jahren,
wenn  dort  jetzt  nur  doppelt  so  viele  Arbeiter  sind  als  damals.  Nach  dem
Wertgesetz  wenigstens  müßte  es  doch  so  sein."
„Na,  ganz  genau  so  nicht",  erwiderte  ich.  „Die  200  Arbeiter  zum  Beispiel ­
  von  heute  setzen  dem  Rohmaterial  doppelt  soviel  neuen  Wert  zu  als
die  100  Arbeiter  vor  25  Jahren.  Aber  ihr  dürft  nicht  vergessen,  daß  erstens
beute  vielleicht  das  Zwanzigfache  an  Rohmaterial  von  den  200  Arbeitern
verarbeitet  wird  im  Vergleich  zu  dem,  was  damals  die  100  verarbeiteten,
und  durch  die  Verarbeitung  geht  ja  der  Wert  der  Rohstoffe  auf  das  Produkt
über,  und  daß  zweitens  nicht  nur  der  Wert  des  Rohmaterials  auf  das
Produkt  übertragen  wird,  sondern  auch  der  Wert  der  Abnutzung  der  Maschinen ­
  u.  s.  w.  Und  das  ist  natürlich  bei  dem  jetzigen  Riesenbetrieb  eine
viel  höhere  Summe  als  damals  bei  dem  soviel  kleineren  Werk.  Aber  neugeschaffen ­
  wird  tatsächlich  in  der  heutigen  Fabrik  nur  doppelt  soviel  Wert
wie  damals."
„Ja,  aber  dann  wäre  doch  diese  Erweiterung  des  Betriebes  ein  reiner
Unsinn  gewesen",  warf  Karl  ein.  „Wenn  der  Kapitalist  damals  zum  Beispiel
eine  Kapitalsanlage  von  100.000  Mark  hatte  und  ihm  die  Arbeiter  einen
Wert  vor,  sagen  wir,  10.000  Mark  über  ihren  Lohn  hinaus  schafften,  dann
hatte  er  doch  einen  Profit  von  10  Prozent.  Wenn  heute  aber  in  der  Fabrik
eine  Million  angelegt  ist  und  die  Arbeiter  jetzt  das  Doppelte  schaffen,  also
20.000  Mark,  dann  ist  sein  Profit  nur  mehr  2  Prozent  (1,000.000  :  20.000).
Mit  all  seiner  eifrigen  Tätigkeit  hätte  also  unser  erlauchter  Herr  Chef  nur
erreicht,  daß  er  jetzt  einen  geringeren  Profit  macht  als  vor  25  Jahren.  Danach
sieht  es  aber  gar  nicht  aus.  Es  scheint  ihm  recht  gut  angeschlagen  zu  haben."
„Vor  allem  hast  du  einen  kleinen  Rechenfehler  gemacht",  erwiderte  ich;
„denn  wenn  die  Arbeiter  jetzt  den  doppelten  Wert  neu  schaffen,  so  ist  ja
damit  noch  nicht  gesagt,  daß  sie  auch  den  doppelten  Lohn  erhalten."
„Und  das  ist  auch  nicht  einmal  wahrscheinlich",  warf  Wilhelm  hastig
dazwischen.  „Je  mehr  Maschinen  angewendet  werden,  desto  billiger  werden
die  Waren,  und  so  kann  der  Geldlohn  des  Arbeiters  sinken,  während  das,
was  er  sich  dafür  kaufen  kann,  vielleicht  sogar  mehr  wird."
„Na,  ich  glaube  zwar  nicht,  daß  das  wirklich  geschehen  ist,  denn  mir
scheint  eher,  daß  alles  teurer  geworden  ist",  antwortete  Karl;  „aber  die  Möglichkeit ­
  gebe  ich  schon  zu.  Es  ist  wahr,  daß  ich  daran  nicht  gedacht  habe.
Aber  nehmen  wir  einmal  an,  daß  die  10.000  Mark,  welche  die  Arbeiter  früher
dem  Chef  als  Profit  lieferten,  zum  Beispiel  die  Hälfte  des  von  ihnen  neu
geschaffenen  Wertes  ausmachte  und  die  andere  Hälfte,  also  ebenfalls  10.000
Mark,  als  Lohn  ihnen  selbst  zufiel,  und  daß  jetzt  sogar  drei  Viertel  von
dem  neu  geschaffenen  Wert  (also  von  40.000  Mark,  dem  Doppelten  der
früheren  20.000  Mark)  dem  Kapitalisten  und  nur  ein  Viertel  den  Arbeitern
zufallen,  so  hätte  jetzt  der  Unternehmer  doch  nur  auf  eine  Million  Anlage-
            
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