Metadata: Banking and finance (Vol. 1, nr. 17)

172 Neunzehntes Buch. Viertes RKapitel. 
von Menschenseelen durch unmittelbar göttliches Eingreifen, also 
eine Aufhebnng der psychischen Kausalität, in Frage kam. 
Diese Frömmigkeitsmittel und zugleich Frömmigkeits— 
iußerungen Speners und der Seinigen wurden nun durch Francke 
schärfer präzisiert. Francke gehörte zu den Frommen, die in einem 
einmaligen starken Bekehrungserlebnis Heilsgewißheit erlangen; 
im Jahre 1687 war er zu Lüneburg, seiner „geistlichen Geburts— 
stadt“, des rechten Weges gewiß geworden. Er verlangte da— 
her, daß auch seine Anhänger ein solches Erlebnis aufwiesen, 
den „Durchbruch“; und darum wurde dies Moment neben der 
ebenfalls gepflegten Gebetspraxis das eigentlich Charakteristische 
des sogenannten Halleschen akademischen Pietismus. Erstrebt 
aber wurde der Durchbruch in der Disziplin eines Bußkampfes, 
die vor allem in ständig wiederholtem peinlichen Durchforschen 
des Innern bestand. Es war eine harte Form geistlicher 
UÜbung, die bis zu körperlicher Auflösung führen konnte; 
Semlers älterer Bruder, dem der Durchbruch schwer fiel und 
der ihn gleichwohl erlangen wollte, hat ganze Nächte durch— 
vinselt und ist schließlich an seiner Bußpraxis gestorben. 
Übersieht man aber die Frömmigkeitsmittel des Pietismus, 
so entdeckt man bald: das Gebet ist eine verfeinerte Form 
der mittelalterlichen Askese, der Bußkampf eine verinnerlichte 
Form der Kontemplation. Damit ist die entwicklungsgeschicht— 
liche Stellung der Bewegung ohne weiteres gegeben; es handelt 
sich um Formen einer ausgeprägt individualistischen Frömmig— 
keit. Und man erfährt noch zum Überflusse, daß auf indi— 
viduelles Gebet gedrungen wird, und daß der Bußkampf rein 
persönlich, ohne Gebrauch der Anleitungen des Mittelalters zu 
objektiv gebundener Kontemplation, nur durch eine auf das eigene 
Innere gerichtete Betrachtung geführt werden soll. 
Innerhalb des Individualismus aber wiederum wird die 
geschichtliche Stellung des Pietismus am deutlichsten aus seiner 
Stellung gegenüber den bestehenden Kirchen. Und da hielt man 
aun im allgemeinen noch am Luthertum fest, wenngleich dessen 
Reformbedürftigkeit verkündet wurde. Aber man sah in ihm 
nur die beste, nicht die einzig mögliche der Kirchen; Spener
	        
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