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,Die Grenzen der Geschichte“,
Geschehens sicher nicht; das widerspräche ja unserer Voraussetzung.
Also kann es sich nur um einen Wendepunkt, sagen wir um einen
Übergang im Geschehen handeln; sei es nun im Sinne einer
Abwandlung von einer Art des Geschehens zu einer anderen, oder im
Sinne einer Abschnürung, oder wie immer. Jedenfalls läge der Anfang
der Geschichte dort, wo wir auf ein Geschehen, das uns etwas spezifisch
anderes als Geschichte ist, die letztere auffolgen sehen. Nun ist aber
der Fall möglich, daß wir von diesem Übergang im Geschehen wohl
in abstracto sprechen könnten, genauer gesagt, von dem hierzu nötigen
Zweierlei des Geschehens; der Übergang selber jedoch wäre für uns
nicht widerspruchslos, also nicht gültig denkbar. Vielleicht erscheint
diese Besorgnis zu weit hergeholt; immerhin, warum sollten wir das
Problem von vornherein so enge fassen, daß seine Lösung gegebenenfalls
daran ersticken könnte? Es verbietet sich also bei Strafe eines be
denklichen Vorurteils, geradeaus nach dem Anfang der Geschichte
zu fragen. Die Frage nach den Grenzen der Geschichte bleibt da
gegen aufrecht, weil sie selbst in jenem schlimmsten Falle kein Präjudiz
schafft. Gesetzt, wir könnten jenen Übergang im Geschehen wirklich
nur so erfassen, daß unser Denken dabei seiner Gültigkeit verlustig
ginge, einem Selbstbetrug verfiele: was würde dies besagen? Daß die
Geschichte keinen Anfang habe? Das wäre ein ebenso ungeschickter
wie trügerischer Ausdruck des wahren Sachverhaltes, der dann einfach
so läge, daß die Grenzen der Geschichte zugleich Grenzen unserer
Erkenntnis wären 1
Jenes vierte Problem von den Grenzen der Geschichte, das zu
meinem Thema wird, läßt sich also nur dann aufwerfen, wenn uns als
Geschichte ein Geschehen spezifisch ist. Und nur dann ist dieses
Problem im positiven Sinne lösbar, wenn zwischen dem „historischen“
und einem spezifisch anderen Geschehen ein Übergang vermittelt, der
in seinem Ablaufe für uns etwas widerspruchslos Denkbares ist. Damit
wäre die Untersuchung orientiert, und unter normalen Verhältnissen
hätte ich nun mit der Prüfung jener Voraussetzung zu beginnen. Die
Dinge liegen aber anders. Vorderhand scheinen alle kritischen Be
denken, ob das Problem sich aufwerfen und ob es sich positiv lösen
läßt, gegenstandslos zu sein. Denn allem Anschein nach
rennt das Problem offene Türen ein! Sollte denn wirklich
auch nur der mindeste Zweifel bestehen, wie jene Frage nach den
Grenzen der Geschichte zu beantworten wäre? Es scheint doch viel
mehr, daß sich die Antwort in aller Einfalt geben läßt, durch eine