Full text : Einführung in die Volkswirtschaftslehre

Eherne^  Lohngesetz  und  Lohnfondstheorie.  so?
und  ständig  festhielten.  Der  Begriff  des  Existenzminimums ­
  ist  nämlich  keineswegs  eindeutig  in  dem  Sinne,  Laß  es
gleichbedeutend  mit  der  Summe  von  Nahrung  und  Witterungsfchutz
  fei,  die  zur  Lebensfristung  notwendig  ist.  vielmehr  ist  der
Begriff  psychologisch,  ja  in  einem  gewissen  Grade  auch  physiologisch ­
  äußerst  dehnbar;  er  enthalt  vor  allem  die  ausgesprochenste
Tendenz,  eine  einmal  erreichte  höhe  mit  allen  Mitteln  festzuhalten. ­
  Der  Arbeiter  von  heute  stellt  an  Nahrung,  Kleidung,
lvohnung,  BilLungsmittel,  Unterhaltung  ganz  andere  Anforderungen ­
  als  sein  Vorgänger  vor  einem  halben  oder  gar  einem
ganzen  Jahrhundert,  und  er  dehnt  diese  Airspriiche  ständig  aus.
„Die  verfluchte  Bedürfnislosigkeit",  über  die  Lassalle  noch  klagte,
hat  sich  der  Arbeiter  gründlich  abgewöhnt;  das  Niveau  seiner
Lebenshaltung  hat  sich  stellenweise  nicht  unbeträchtlich  über  das
des  städtischen  Mittelstandes,  geschweige  denn  des  Kleinbauern
gehoben.  Dies  kommt  nicht  nur  in  den  höheren  Löhnen  selbst,
sondern  auch  in  den  Arbeitsbedingungen  und  vor  allem  in  der
verkürzten  Arbeitszeit  zum  Ausdruck,  die  ja,  abgesehen  von  ihrer
sonstigen  Bedeutung,  auch  einen  materiellen  Vorteil  darstellt.
Diese  Erhöhung  der  Löhne  und  die  Verbesserung  der  sonstigen
Arbeitsbedingungen  ist  aber  kein  reines  Geschenk,  das  der  Arbeiter
sich  vom  Unternehmer  ertrotzt  hat,  wenn  auch  der  rein  soziologische
Faktor  der  Macht  entscheidend  mitwirkt;  der  Lohnerhöhung  entspricht ­
  vielmehr  unter  normalen  Umständen,  wenn  auch  nicht  mit
mathematischer  Genauigkeit,  eine  Erhöhung  der  Leistungen.
Der  hochkapitalistische  Unternehmer  glaubt  nicht  mehr  wie  der
frühkapitalistische,  daß  die  stärkste  2lnspannung  des  Arbeiters  geeignet ­
  sei,  das  Maximum  von  Arbeit  an  (Quantität  und  «Qualität
zu  erzielen.  Mir  haben  bei  der  Besprechung  der  Arbeit  als  Produktionsfaktor ­
  die  moderne  übungs-  unb  Ermüdunaspfychologie
kennengelernt  und  gesehen,  wie  abhängig  die  Leistungen  des
Arbeiters  von  den  Bedingungen  sind,  unter  denen  er  arbeitet.
Line  Reihe  von  versuchen  haben  gezeigt,  daß  eine  verständige
Herabsetzung  der  Arbeitszeit  den  Wert  der  2lrbeit
nicht  verminderte,  sondern  nack  einer  kurzen  Übergangszeit  sogar
erhöhte.  Natürlich  muß  diese  kferabsetzung  ihre  Grenzen  haben,
wenn  das  „Optimum"  der  Leistung  nicht  unterschritten  werden
soll;  ebenso  wie  eine  solche  Verkürzung  der  Arbeitszeit  nicht  in
allen  Gewerben  gleichmäßig  wirken  wird.  Der  berühmte  Versuch, ­
  den  Abbe  in  Len  Jenaer  Zeitzwerken  mit  der  Einführung
            
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