Full text: Einführung in die Volkswirtschaftslehre

Kampf zwischen Arbeiter und Unternehmer. U9 
England Trad e-Unions genannt. Die Gewerkvereine sind 
verbände der Selbsthilfe, welche die gemeinsamen Interessen der 
Arbeiter bezüglich Arbeitslöhnen und Arbeitsbedingungen wahren 
sollen; sie erreichen dies durch Verhandlungen mit den Arbeit, 
gebetn und durch eventuelle Unterstützung der arbeitslosen Mit 
glieder. Sie waren lange Gegenstand erbitterter Meinungsgegen- 
fätze, wurden sogar in Großbritannien wie auch in Frankreich 
zu Beginn des ,9. Iahrhunderts eine Zeitlang ganz verboten. 
Allmählich jedoch hat sich die Stellung der öffentlichen Meinung 
und damit auch der Gesetzgebung gegenüber den Gewerkvereinen 
völlig verändert. Mit ihrer Anerkennung wurde auch die Stel 
lung der Arbeiter eine andere. Selbsthilfe und Selbstverwaltung 
hoben den moralischen und geistigen Standard des 2lrbeitertums, 
schoben ihnen aber auch die Verantwortung für jede leichtherzige 
Störung der Wirtschaft zu. So haben die Gewerkvereine den 
Lohnkampf „organisiert", ihm eine größere Basis gegeben, aber 
doch in den Formen gemildert. Die Zerstörung von Eigentum, 
die Krawalle, die Aufstände, die Anfang des vorigen Iahrhunderts 
und noch später diese Lohnkämpfe begleiteten — man denke an 
Gerhart Hauptmanns „Weber" oder Zolas „Germinal", die beiden 
klassischen Schilderungen sozialer Aufstände — waren fast ganz 
verschwunden. Allerdings leben sie jetzt unter dem Zeichen des 
Bolschewismus und des „Syndikalismus" wieder 
auf, die die Theorie von der Notwendigkeit der Zerstörung der 
heutigen Gesellschaft erneuern, aber diese Bewegung steht in einem 
Gegensatz zu den Gewerkschaften. 
Auch in Deutschland haben die Arbeiter sich in Fach- 
verbände organisiert; entsprechend der Mannigfaltigkeit der poli 
tischen Richtungen in Deutschland sind auch diese Fachverbände 
trotz des im wesentlichen gemeinsamen Zieles getrennt. Den An 
stoß gab das englische Vorbild, dem zuerst Ende der sechziger Iahre 
die sozialdemokratischen Arbeiter L a's s a l l e s ch e r Richtung 
folgten. Fast zu gleicher Zeit mit diesen sich „Gewerkschaf 
ten" nennenden Organisationen traten die von den liberalen 
Führern M a x Lj i r s ch und D u n ck e r begründeten „Gewerk- 
v e r e i n e" auf den Plan. Sie hielten ursprünglich streng an dem 
Gedanken der Selbsthilfe fest, verwarfen also speziell jeden Staats 
eingriff selbst auf dem Gebiete des Arbeiterfchutzes, während die 
Gewerkfämften, denen sich auch Anhänger der Marxfchen 
Richtung anschlössen, sich sozialdemokratischen dlnfchauungen
	        
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