Full text : Einführung in die Volkswirtschaftslehre

Die  öffentliche  Unternehmung.  8-erwacht
  sind  und  Befriedigung  verlangen.  Diefe  Bedürfnifse  entstehen ­
  einmal  aus  der  bloßen  Tatsache  des  Zusammenlebens  fo
vieler  Menschen  auf  so  engem  Raume.  Auf  dem  Raume  eines
(Quadratkilometers  wohnen  im  glücklichen  Großherzogtum  Mecklenburg-Strelitz
  recht  behaglich  und  mit  gehörigem  Llldogenraum
55  Menschen,  in  Berlin  aber  müssen  sich  in  den  gleichen  Raum
52  ooo  Menschen  teilen.  Das  erfordert  schon  Anstalten.  Mo
auf  dem  Lande  ein  gemütlicher  unbefestigter  Fahrweg  durch  das
Feld  schleicht,  sind  in  der  Stadt  Bunderte  von  kostspieligen'
Straßen  zu  pflastern  und  asphaltieren,  zu  unterhalten,  öfter  auch
aufzureißen,  um  Gas-,  Wasser-  und  sonstige  Röhren  zu  legen.
Da  muß  die.  elektrische  Tram  durch  die  Straßen  sausen,  damit
diese  sehr  eiligen  Menschen  auch  rechtzeitig  in  ihr  Geschäft,  in  ihr
Bureau  kommen.  Die  Kanalisation  wird  notwendig^  und  verschlingt ­
  große  Summen.'Die  Stadt  muß  Markthallen  bauen,  damit
die  Städter  auch  etwas  zu  essen  bekommen.  Da  muß  sie  jdolizisten
haben,  die  allzu  angeregte  Nachtschwärmer  auf  den  Pfad  der
Tugend  zurückführen  und  säumigen  Bausherren  Protokolle  wegen
unterlassener  Straßenreinigung  schreiben;  sie  muß  Säuglingen
Milch  kochen,  sie  muß  Gas,  waster,  Elektrizität  ins  paus  liefern.
Aber  die  Stadt  muß  noch  mehr.  Der  Städter  braucht,  nicht  nur
das  Notwendigste,  das,  was  ein  städtisches  Zusammenleben  überhaupt ­
  erst  ermöglicht;  in  ihm  erwachen  auch  neue  Bedürfnisse,
die  einfachere  Zeiten  und  stillere  Gegenden  nicht  oder  doch  nicht
so  kannten.  Da  muß  die  Stadt  ein  Theater  bauen  und  ein  städtisches ­
  Grchester  besolden,  sie  muß  Parke  pflanzen  und  Schwimnibäder
  einrichten.  So  dehnt  sich  der  Tätigkeitskreis  immer  weiter  aus.
Neben  Reich  und  Staaten  wie  den  Städten  treten  noch  weitere
öffentliche  Korporationen  als  Unternehmer  auf:  die  Provinzialverbände, ­
  die  Landkreise,  selbst  die  Landgemeinden.  Die  öffentliche ­
  Körperschaft  als  Unternehmer  dringt  immer  weiter  vor.  pat
man  doch  schon  von  einer  „D  u  r  ch  st  a  a  t  l  i  ch  u  n  g"  unseres
ganzen  Wirtschaftslebens  gesprochen  (Karl  Renner).
Immerhin  aber  ist  zu  sagen,  daß  damit  keineswegs  eine  grundsätzliche ­
  Absage  an  die  freie  Unternehmung  verbunden  war.  Deshalb ­
  ist  es  begreiflich,  wenn  führende  Sozialisten,  wie  seinerzeit
Friedrich  Engels,  in  der  „Verstaatlichung"  keine  Erfüllung  der
Forderung  auf  „Vergesellschaftung"  der  Wirtschaft  sahen.  Diese
Forderung,  deren  Verfechter  jetzt  die  politische  Herrschaft  in
weiten  Teilen  Gstcmopas  und  insbesondere  auch  in  Deutschland
            
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