Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 333 
Kantate wird gepflegt, und die Traditionen der Schützschen 
Periode werden in den Passionen fortgesetzt und vollendet. 
Neben der Kirchenmusik aber steht, vor allem ins Instru— 
mentale gewendet, doch auch eine große Masse weltlicher Ton— 
werke: Tokkaten, Präludien, Tänze, vor allem Klavierwerke, 
das „Wohltemperierte Klavier“ an der Spitze. 
In all diesen Schöpfungen einer niemals ermattenden 
Muse zeigt sich Bach als derselbe gefühlsinnige Lyriker und 
ttrenge Musiker zugleich; den Kontrapunkt beherrschend wie 
—AVDD 
er sich doch zugleich im reichsten Flusse melodischer Erfindung 
und ergreifender homophoner Harmonisierung des Erfundenen 
wie des reich überlieferten Schatzes der protestantischen Choräle. 
Dabei bleibt er gleich einfach und ursprünglich, mag er sich um 
die Technik des Klaviers bemühen oder sich den heiligen Ge— 
heimnissen der Offenbarung mit der Innigkeit des protestantischen 
Vietismus nahen. 
Wie führt doch die „Matthäuspassion“, die im Jahre 1729 
zum ersten Male in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt 
wurde, in die Geheimnisse dieses reichen Gemütes und dieser 
weiten Begabung ein! Ihre drei Bestandteile, der Bibeltext, 
die Choräle und die Beiträge einzelner Stimmen aus der Ge— 
meinde, sind in verschiedenstem Sinne behandelt. Wirkt die 
Musik des Bibeltextes wie ein quadergefügter Bau, fest und 
dem Persönlichen unzugänglich, ist Christus in ihm heroisch 
aufgefaßt, als übermenschlicher Heiland ohne jede Spur musi— 
kalischer Süße, so beruht die Behandlung der Choräle schon 
auf der persönlich sichern Gewißheit des protestantischen Glaubens 
des 16. und teilweis noch des 17. Jahrhunderts, während sich 
die Gemeindestimmen bereits ganz in der innig ergreifenden 
melodiösen Art der Jesuslieder des Pietismus bewegen: auch der 
Text bezeichnet hier Christus einmal, in der Gewalt seiner 
Feinde, als „Lamm in Tigerklauen“. 
Neue Formen des musikalischen Ergusses von Grund aus 
hat Bach dabei nicht geschaffen: er war innerhalb der herkömm⸗— 
lichen Gattungen tätig; aber er erfüllte sie mit dem höchsten,
	        
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