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gaben werden — der Mensch mußte in das Zentrum
des wissenschaftlichen Interesses rücken, aus dem das
geoffenbarte Gebot gewichen war. Von jedem Stand
punkt muß man das anerkennen — auch wenn man
noch so sehr eine „objektive“, unpsychologische So
zialwissenschaft wünscht und noch so sehr einsieht,
daß man für viele Probleme mit der Psychologie nicht
auskommt. Erst wenn man erkannt hat — wie defini
tiv von Kant verkündet wurde —, daß jeder nur von
seiner Subjektivität aus in die Welt überhaupt und
also auch in die soziale Welt blicken kann, und ferner,
daß sich alle eventuellen objektiven Notwendigkeiten
nur in der Psyche spiegeln können, kann man sagen,
daß die Sozialwissenschaften flott geworden sind. Und
eine der größten Taten jener Zeit war, sie flott ge
macht zu haben. Unerschöpflich war ihr Interesse
für den Menschen und unerschöpflich die Flut origi
neller- Anregungen.
Die frühere Zeit enthielt schon Keime. Schon bei
Leibniz klingen die mysteriösen Mächte des Unter
bewußten an. Das 17. Jahrhundert kannte sonst frei
lich nicht viel mehr als eine auf sehr alten Wurzeln
beruhende Lehre von den Affekten und erst in seinen
letzten Zügen Lockes Bewußtseinsanalyse. Aber das
18. Jahrhundert bringt in England eine Psychologie
der „Triebe“ (Hartley, Hume) und rastloses Sammeln
und Belauschen der Tatsachen des täglichen Lebens, in
England und in Deutschland die Assoziationspsycho
logie, in Frankreich die Untersuchung des Funktio
nieren der Sinnesapparate, die in dem Sensualis