fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Vor wort. 
Dabei möchte ich nicht unterlassen zu bemerken, daß ich 
ein überlegsames Buch habe schreiben wollen. Es liegt mir 
nichts an urteilsloser Zustimmung, ich wünsche Kritik. Darum 
sind nicht bloß die einfachen Thatsachen nebeneinander gestellt, 
was leicht genug gewesen wäre; vielmehr ist der entwicklungs— 
geschichtliche Zusammenhang scharf betont. Möglich, daß dabei 
manche Richtungslinie zu streng gespannt, manche Thatsache zu 
energisch hervorgehoben worden ist. Aber es giebt auf dem Ge— 
biete der Geschichtswissenschaft heutzutage keine größere Sünde 
als das bloße Heranschleppen und im Grunde rein kompila— 
torische Zusammenstellen von Stoff- und Thatsachenmassen. 
Davon haben wir genug und übergenug: ja wir sind daran, 
im Stoffe völlig kritiklos zu versinken; in Wahrheit und von 
einem höheren Standpunkte aus kritiklos auch dann, wenn 
dieser Stoff nach allen „methodischen Grundsätzen“ bearbeitet 
dargeboten — aber eben nur beschreibend dargeboten wird. 
Das, wessen wir bedürfen, läßt sich mit einem Worte aus— 
drücken: Fermente, Gärungsmittel hinein in den Stoff! Zer— 
setzen der radis indigestaque moles durch Urteil, durch Ver— 
gleichung! Nicht bloßes Aneinanderreihen des Geschehenen aus 
tausend Quellen, wenn auch in noch so kritischer Scheidung, 
sondern methodische Vergleichung der Tausende von bloß be— 
schreibend gewonnenen Thatsachen hin auf die treibenden seelischen 
Kräfte des geschichtlichen Inhalts! Diesem Ziele habe ich in den 
folgenden Blättern nachgestrebt; ruhige Klarheiten und An— 
schaulichkeiten einfacher Art wollte ich in dem Chaos der zahl— 
reichen geschichtlichen Erscheinungen der jüngsten Vergangenheit 
suchen. Mag dabei einmal ein Zug in der Darstellung zu 
scharf geraten sein, was schadet es? Und ist es überhaupt 
möglich, der nie abbrechenden Stetigkeit der Entwicklung in ihren 
Tausenden, Millionen, ja unzähligen und unendlichen Einzel— 
momenten in irgend einer Darstellung gerecht zu werden? 
Immer wird der Leser bei Schilderungen dieser Art übersehene 
Momente zwischen den Zeilen lesen müssen; und nur seine 
mitthätige Phantasie kann jene Kontinuität der Entwicklung
	        
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