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Bevölkerung und Unterhaltsmittel.
Buch II.
einigten Staaten künstliche ftügel zerstreut sind, welche eine früher
relativ dichte Bevölkerung beweisen, und hier und da, wie in den Kupfer-
ininen ain Gberen See, sind Spuren höherer Künste vorhanden, als
sie den Indianern, init welchen die Weißen in Berührung kamen, be
kannt waren.
In betreff Afrikas kann kein Zweifel obwalten. Das nördliche
Afrika kann nur einen kleinen Teil der Bevölkerung enthalten, welche es
in alten Zeiten hatte; das Niltal besaß einst eine unvergleichlich größere
Bevölkerung als jetzt, während südlich der Sahara nichts eine Zunahme
innerhalb der historischen Zeit beweist, und sicherlich durch den Sklaven
handel eine weitverbreitete Entvölkerung verursacht wurde.
was Asien angeht, das auch jetzt noch mehr als die ftälfte der Mensch
heit enthält, obgleich es nicht viel mehr als halb so dicht wie Europa
bevölkert ist, so sind Anzeichen vorhanden, daß sowohl Indien als China
dereinst größere Bevölkerungen als jetzt enthielten, während jener
große Brutplatz der Menschen, aus welchem Schwärme hervorgingen,
welche beide Länder überzogen und große Völkerwogen über Europa
dahinwälzten, einst weit mehr bevölkert gewesen sein muß. Die merk
würdigste Veränderung jedoch hat in Kleinasien, Syrien, Babylonien
und Persien, kurz in jenen Gegenden stattgefunden, welche sich den
erobernden fteeren Alexanders unterwerfen mußten, wo einst große
Städte und zunehmende Bevölkerungen waren, sind jetzt elende Dörfer
und unfruchtbare wüsten.
Ls ist ziemlich sonderbar, daß unter all den aufgetauchten Theorien
nicht auch eine ausgeheckt worden ist, die eine bestimmte Quantität
menschlichen Lebens auf der Erde annimmt. Dieselbe würde wenigstens
besser mit den historischen Tatsachen stimmen als die einer beständigen
Tendenz der Bevölkerung, über ihre Unterhaltsmittel hinauszugehen.
Ls ist klar, daß die Bevölkerung hier eine Ebbe, dort eine Flut erfahren
hat; ihre Mittelpunkte haben sich verändert, neue Nationen sind ent
standen, alte untergegangen; dürftig besiedelte Gegenden sind volkreich
geworden, und volkreiche Gegenden haben ihre Bevölkerung verloren;
aber soweit wir zurückgehen können, ohne uns ganz in Vermutungen
zu verlieren, gibt es keine Beweise beständiger Zunahme und sogar
nicht einmal einen klaren Beweis, daß die Menschheit im ganzen sich
von Zeit zu Zeit vermehrt habe. Die Pioniere der Völker sind, soweit
wir es beurteilen können, niemals in unbewohnte Länder vorgerückt —
ihr Gang war immer ein Kampf mit einem schon vorher im Besitz be
findlichen Volke; hinter dunkeln Reichen, verschwommene Umrisse
noch schattenhafterer Reiche. Daß die Bevölkerung der Erde ihre kleinen
Anfänge gehabt haben muß, läßt sich mit Sicherheit annehmen, denn
wir wissen, daß ein geologisches Zeitalter bestand, wo das Menschen
geschlecht nicht existiert haben kann, und wir vermögen uns nicht vorzu
stellen, daß die Menschen alle mit einemmal hervorkamen, wie etwa
aus den von Kadmus gesäten Drachenzähnen; doch entdecken wir in