Folgerungen aus Analogien.
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so viel wünschen, als genügt, um Bedürfnisse zu befriedigen, die be
stimmt und feststehend sind. Der einzige Gebrauch, den sie von größeren
Vorräten oder ausgedehnteren Vorteilen machen können, ist, sich zu
vermehren.
Nicht so mit dem Menschen! Raum sind seine tierischen Bedürf
nisse befriedigt, so entstehen andere. Nahrung braucht er zuerst, gleich
dem Tiere; demnächst Obdach, wie das Tier und, damit versorgt, gewinnt
sein Fortpflanzungstrieb Gewalt, wie es auch bei dem Tiere geschieht.
Damit aber hört die Gemeinschaft zwischen Tier und Menschen auf!
Das Tier geht nie weiter; der Mensch dagegen hat nur seinen Fuß auf
die erste Stufe einer unendlichen Leiter gesetzt, einer Leiter, die das
Tier niemals betritt, die ihn vom Tier hinweg und über das Tier hinaus
führt.
Ist erst das Begehren nach der Ouantität befriedigt, so sucht er
die Oualität. Selbst die wünsche, die er noch mit dem Tiere gemein
hat, werden ausgedehnt, verfeinert, erhöht. Nicht bloß der Hunger,
sondern auch der Geschmack sucht in der Nahrung Befriedigung; in der
Rleidung sucht er nicht bloß Behagen, sondern Schmuck; das rohe Ob
dach wird ein Haus; der unwählerische geschlechtliche Reiz fängt an,
sich in verfeinerte Einflüsse zu verwandeln, und das harte und gemeine
Dasein des tierischen Lebens knospet und blüht in Formen zarter Schönheit.
Mt der Fähigkeit, seine Bedürfnisse zu befriedigen, wächst sein verlangen.
Auf dem niedrigen Niveau des Verlangens speist Lukullus mit Lukullus;
Zwölf Bären braten am Spieß, damit Antonius' Mundvoll Fleisch zu
jeder Zeit frisch für ihn bereit sei; alle Reiche der Natur werden aus
gebeutet, um Rleopatras Reize zu erhöhen, und Marmor-Säulengänge,
hängende Gärten und Pyramiden, die mit Bergen wetteifern, ent
stehen. In höhere Formen des Verlangens übergehend, erwacht im
Menschen, was in der Pflanze schlummerte und sich im Tiere hin und
wieder regte. Die Augen des Geistes öffnen sich, und er sehnt sich nach
Missen. Er trotzt der versengenden Hitze der wüste und den eisigen
Stürmen der Polarmeere, aber nicht der Nahrung wegen; er wacht
die ganze Nacht, aber um das Kreisen der ewigen Gestirne zu beobachten.
Tr häuft Arbeit auf Arbeit, um einen Hunger zu befriedigen, den kein
Tier fühlt, einen Durst zu löschen, den kein Tier kennt.
hinaus in die Natur, hinein in sich selbst; zurück durch die Nebel,
die die Vergangenheit verbergen, vorwärts in die Dunkelheit, welche
die Zukunft" einhüllt, dringt die rastlose Sehnsucht, welche erwacht,
sobald die tierischen Bedürfnisse befriedigt schlummern, hinter den
Dingen spürt er ihren Gesetzen nach; er will wissen, wie die Erde ge
schmiedet und die Sterne aufgehängt wurden, er will den Ouellen des
Gebens bis zu ihrem Ursprünge nachspüren. Und wenn dann der Mensch
seine edlere Natur entwickelt, entsteht das noch höhere verlangen —
die Leidenschaft der Leidenschaften, die Hoffnung der Hoffnungen —-
das verlangen, daß er, eben er, dazu beitrage, das Leben besser und