Full text : Fortschritt und Armut

Buch  III.

\^0  Die  Gesetze  der  Verteilung.

ist  kein  Tun,  sondern  einfach  ein  Nichttun.  Die  Enthaltsamkeit  produziert
an  sich  selbst  nichts.  Weshalb  sollte  dann  irgendein  Teil  von  dem  was
produziert  wird,  sür  sie  beansprucht  werden?  Lsabe  ich  eine  Summe
Geldes,  die  ich  ein  Jahr  lang  verschließe,  so  habe  ich  ebensoviel  Enthaltsamkeit ­
  geübt,  als  hätte  ich  sie  ausgeliehen.  Dennoch  erwarte  ich
im  letzteren  Falle  ihre  Rückgabe  mit  einer  Zusatzsumme  für  Zinsen,
während  ich  im  ersteren  nur  dieselbe  Summe  und  keine  Zunahme  habe.
Die  Enthaltsamkeit  ist  jedoch  die  gleiche.  Wenn  man  sagt,  daß  ich  durch
das  verleihen  dem  Borger  einen  Dienst  leiste,  so  kann  darauf  erwidert
werden,  daß  auch  er  mir  einen  Dienst  leistet,  indem  er  sie  sicher  aufbewahrt,
ein  Dienst,  der  unter  Umständen  sehr  wertvoll  sein  kann,  und  für  den
ich  eventuell  gern  etwas  zahle;  ein  Dienst,  der  für  manche  Formen  des
Kapitals  sogar  noch  wertvoller  sein  kann  als  für  Geld.  Denn  viele  Formen
des  Kapitals  halten  nicht  lange  aus,  sondern  müssen  beständig  erneuert
werden,  und  bei  vielen  ist  die  Erhaltung  eine  Last,  wenn  man  keinen
sofortigen  Gebrauch  dafür  hat.  Wenn  also  der  Ansammler  von  Kapital
dem  Verwender  desselben  durch  ein  Darlehen  Hilst,  trägt  der  Letztere
dann  die  Schuld  nicht  vollständig  ab,  wenn  er  es  zurückgibt?  Ist  nicht  die
sichere  Aufbewahrung,  die  Erhaltung,  die  Neuschaffung  des  Kapitals
ein  vollständiger  Ersatz  sür  den  Gebrauch?  Die  Anhäufung  ist  der  Zweck
und  das  Ziel  der  Enthaltsamkeit.  Die  letztere  kann  nicht  weiter  gehen
und  nicht  mehr  erreichen;  ja  sie  kann  an  und  für  sich  selbst  nicht  einmal
dies  tun.  Entsagen  wir  lediglich  der  Benutzung  von  Gütern,  wie  viele
Güter  würden  in  einem  Jahre  verschwinden?  Und  wie  wenig  würde
am  Schlüsse  von  zwei  Jahren  übrig  sein?  wenn  daher  sür  die  Enthaltsamkeit ­
  mehr  als  die  sichere  Rückgabe  des  Kapitals  verlangt  wird,  geschieht ­
  dann  der  Arbeit  nicht  Unrecht?  Derartige  Ansichten  sind  die
Grundlage  der  weitverbreiteten  Meinung,  daß  der  Zins  nur  auf  Kosten
der  Arbeit  entstehe  und  in  Wirklichkeit  ein  Raub  an  derselben  sei,  der  in
einem,  auf  Gerechtigkeit  beruhenden  Gesellschaftszustande  abgeschafft
werden  müßte.
Die  Versuche,  diese  Ansichten  zu  widerlegen,  scheinen  mir  nicht
immer  glücklich  zu  sein.  Sehen  wir  uns  z.  B.  Bastiats  oft  erwähntes
Beispiel  eines  Lsabels  an,  das  die  gewöhnliche  Auffassung  wiedergibt.
Ein  Zimmermann  Jakob  macht  sich,  mit  Aufwand  zehntägiger  Arbeit,
einen  Lsabel,  der  von  den  300  Arbeitstagen  eines  Jahres  290  Tage
brauchbar  bleibt.  Wilhelm,  ein  anderer  Zimmermann,  erbietet  sich,
den  Lsabel  auf  ein  Jahr  zu  entlehnen  und  am  Schlüsse  dieser  Zeit,  wenn
derselbe  abgenutzt  ist,  einen  neuen  geradeso  guten  Lsabel  zurückzugeben.
Jakob  weigert  sich  den  Lsabel  zu  diesen  Bedingungen  zu  leihen,  indem
er  anführt,  daß,  wenn  er  nur  einen  Lsabel  zurückerhält,  er  für  den  Verlust
des  Vorteiles,  welchen  der  Gebrauch  des  Lsabels  während  des  Jahres
geben  würde,  nicht  entschädigt  würde.  Wilhelm  sieht  dies  ein  und  einigt
sich  mit  ihm  dahin,  nicht  nur  den  Lsabel  zurückzugeben,  sondern  außerdem
auch  noch  ein  neues  Brett.  Diese  Vereinbarung  wird  zur  gegenseitigen
            
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