Full text : Fortschritt und Armut

Buch  IX.

3^2  Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

bestimmt  worden,  Adam  Smith  unter  den  Kohlenarbeitern  geboren
oder  Herbert  Spencer  gezwungen  gewesen,  seinBrot  als  Fabrikarbeiter
zu  verdienen  —  was  würden  ihnen  ihre  Talente  genützt  haben?  Aber,
wird  man  sagen,  es  würde  andere  Läsar,  Napoleon,  Kolumbus,  Shakespeare, ­
  Newton,  Smith  oder  Spencer  gegeben  haben.  Das  ist  wahr.
Und  es  zeigt,  wie  fruchtbar  unsere  menschliche  Natur  ist.  Wie  die  gewöhnliche ­
  Arbeitsbiene  im  Notfall  zur  Königin  umgewandelt  wird,
so  steigt  der  gewöhnliche  Mensch,  wenn  die  Umstände  seine  Entwicklung
begünstigen,  zum  bselden  oder  Anführer,  zum  Entdecker  oder  Lehrer,
zum  Meisen  oder  heiligen  empor.  Soweit  hat  der  Säer  die  Saat
verstreut,  so  stark  ist  die  zeugende  Kraft,  die  sie  keimen  und  knospen
heißt.  Aber,  ach!  der  steinige  Boden,  die  Vögel  und  das  Unkraut!  Auf
einen,  der  zu  voller  Größe  emporwächst,  wie  viele,  die  am  Wachstum ­
  gehindert  oder  mißgestaltet  werden!
Der  Wille  in  uns  ist  die  letzte  Tatsache  des  Bewußtseins.  Doch
wie  wenig  von  den  erworbenen  Fähigkeiten,  von  der  Stellung,  selbst
vom  Charakter  der  Besten  unter  uns  darf  völlig  uns  selbst  zugeschrieben
werden,  wieviel  den  Einflüssen,  die  uns  geformt  haben!  wo  ist  der
weise,  gebildete,  bescheidene  oder  kraftvolle  Mann,  der  nicht,  wenn  er
die  innere  Geschichte  seines  Lebens  verfolgt,  wie  der  kaiserliche  Stoiker
den  Göttern  Dank  dafür  spenden  dürfte,  daß  ihm  durch  diesen  oder  jenen
hier  oder  dort,  gute  Beispiele  gegeben  wurden,  edle  Gedanken  ihn  erreichten ­
  und  glückliche  Gelegenheiten  sich  für  ihn  eröffneten?  wo  ist
der  Mann,  der  mit  offenen  Augen  und  Ohren  den  Meridian  des  Lebens
erreicht  und  nicht  bisweilen  den  Gedanken  jenes  frommen  Engländers
nachgesprochen  hat,  als  der  Verbrecher  zum  Galgen  vorüber  geführt
wurde:  „Nur  durch  die  Gnade  Gottes  gehe  ich  nicht  dort"?  wie  wenig
vermag  die  Erblichkeit  im  Vergleich  zu  den  Verhältnissen.  Dieser,  sagen
wir,  ist  das  Ergebnis  eines  tausendjährigen  europäischen  Fortschrittes
und  jener  das  Ergebnis  einer  tausendjährigen  chinesischen  Verknöcherung; ­
  dennoch  würde  ein  Kind  kaukasischer  Rasse,  in  das  cherz  Chinas
verpflanzt,  bis  etwa  auf  den  Winkel  der  Augen  oder  die  Farbe  des
Maares,  geradeso  werden  wie  seine  Umgebung,  dieselbe  Sprache  reden,
sich  in  denselben  Gedanken  bewegen  und  die  gleiche  Geschmacksrichtung
zeigen.  Man  vertausche  Lady  Vere  de  Vere  in  ihrer  wiege  mit  einem
Kinde  aus  der  chefe  des  Volkes  —  wird  das  Blut  von  hundert  Grafen
eine  gebildete  vornehme  Frau  aus  ihr  machen?
Den  Mangel  und  die  Furcht  vor  Mangel  beseitigen,  allen  Klassen
Muße,  Behaglichkeit  und  Unabhängigkeit,  den  Anstand  und  die  Verfeinerungen ­
  des  Lebens,  die  Gelegenheiten  zu  geistiger  und  moralischer
Entwicklung  geben,  wäre  Wasser  in  eine  wüste  leiten.  Die  unsruchtbare
  Einöde  würde  sich  mit  frischem  Grün  bekleiden  und  die  dürren
sdlätze,  von  denen  das  Leben  verbannt  schien,  würden  binnen  kurzem  mit
dem  Schatten  von  Bäumen  bedeckt  sein  und  von  dem  Gesänge  der  Vögel
widerhallen.  Jetzt  verborgene  Talente,  ungeahnte  Tugenden  würden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.