Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

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den  Geschlechts  entgegensehen  können  —  ja  einige  meinen  sogar,  daß
der  Fortschritt  der  Wissenschaft  den  Menschen  schließlich  die  Unsterblichkeit ­
  verleihen  und  sie  in  den  Stand  setzen  werde,  körperlich  nicht  nur  die
Planeten,  sondern  auch  die  Fixsterne  zu  erreichen  und  endlich  Sonnen
und  ihre  Systeme  selbst  zu  erschaffen*).
Aber  ohne  sich  bis  zu  den  Sternen  aufzuschwingen,  stößt  diese
Progressionstheorie,  die  uns  inmitten  einer  vorschreitenden  Zivilisation
so  natürlich  erscheint,  in  dem  Augenblick,  wo  sie  sich  in  der  Welt  umschaut,
gegen  eine  ungeheure  Tatsache  —die  fixierten  versteinerten  Zivilisationen.
Die  Mehrheit  des  Menschengeschlechts  hat  auch  heutzutage  keine  Vorstellung ­
  vom  Fortschritt;  die  Mehrheit  des  Menschengeschlechts  betrachtet
(wie  es  bis  vor  wenigen  Generationen  auch  unsere  Vorfahren  taten),
die  Vergangenheit  als  die  Zeit  menschlicher  Vollkommenheit.  Der  Unterschied ­
  zwischen  dem  wilden  und  dem  zivilisierten  Menschen  kann  durch
die  Theorie  erklärt  werden,  daß  der  erstere  bis  jetzt  so  unvollkommen
entwickelt  sei,  um  seinen  Fortschritt  kaum  bemerkbar  werden  zu  lassen;
wie  aber  sollen  wir  auf  Grund  der  Theorie,  daß  der  menschliche  Fortschritt ­
  das  Ergebnis  allgemeiner  und  fortdauernder  Ursachen  sei,  diejenigen ­
  Zivilisationen  erklären,  die  so  weit  fortgeschritten  waren  und
dann  zum  Stillstand  gekommen  sind?  Vom  Hindu  und  Lhinesen  kann
man  nicht  wie  vom  wilden  sagen,  unsere  Überlegenheit  sei  das  Ergebnis
einer  längeren  Erziehung;  wir  seien  gewissermaßen  die  Erwachsenen
der  Natur,  sie  aber  die  Kinder.  Die  Hindu  und  Lhinesen  waren  zivilisiert,
als  wir  wilde  waren.  Sie  hatten  große  Städte,  hoch  organisierte  und
mächtige  Staaten,  Literaturen,  Philosophien,  verfeinerte  Sitten,  bedeutende ­
  Arbeitsteilung,  großen  Handel  und  vorgeschrittene  Gewerbe,
als  unsere  Ahnen  wandernde  Barbaren  waren,  in  Hütten  und  Zelten
von  Tierhäuten  wohnten,  und  keine  Spur  vorgeschrittener  waren  als  die
amerikanischen  Indianer,  während  wir  uns  aus  diesem  wilden  Zustande
Zur  Zivilisation  des  neunzehnten  Jahrhunderts  emporgeschwungen
haben,  sind  sie  stehen  geblieben,  wenn  der  Fortschritt  das  Ergebnis
feststehender,  unvermeidlicher  und  ewiger  Gesetze  ist,  die  den  Menschen
vorwärts  treiben,  wie  sollen  wir  uns  dies  erklären?
Einer  der  besten  populären  Schriftsteller  über  die  Entwicklungslehre, ­
  Walter  Bagehot  („Pbysics  and  Politics“),  gibt  die  Kraft  dieses
Einwandes  zu  und  bemüht  sich,  demselben  auf  folgende  weise  zu  begegnen: ­
  das  erste  Erfordernis,  einen  Menschen  zu  zivilisieren,  sei,  ihn
Zu  zähmen;  ihn  zu  veranlassen,  gemeinsam  mit  seinen  Mitmenschen  in
Gehorsam  gegen  das  Gesetz  zu  leben;  daraus  erwachse  ein  durch  natürliche ­
  Zuchtwahl  gestärkter  und  ausgedehnter  Körper  oder  „Kuchen"
von  Gesetzen  und  Gebräuchen,  und  die  so  zusammengehaltenen  Stämme
oder  Völker  hätten  einen  Vorteil  über  diejenigen,  die  nicht  so  zusammengehalten ­
  werden.  Dieser  Kuchen  von  Gebräuchen  und  Gesetzen  werde

*)  Wmword  Reade,  „Das  Märtyrertum  des  Menschen".
            
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