Full text : Fortschritt und Armut

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Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

selben  doch  mehr  formell  als  fachlich.*)  Buckle  hat  sie  als  die  Grundlage
feiner  Generalifationen  der  Weltgeschichte  angenommen.  Sie  wird
auf  allen  oder  fast  allen  großen  englischen  und  amerikanischen  Universitäten ­
  gelehrt  und  ist  in  Büchern  niedergelegt,  welche  die  Massen  über
praktische  Gegenstände  richtig  denken  lehren  wollen;  auch  scheint  sie
mit  der  neuen  Philosophie  in  Übereinstimmung  zu  stehen,  welche,
nachdem  sie  in  wenigen  Jahren  die  wissenschaftliche  Welt  erobert  hat,
jetzt  auch  die  Masse  der  Geister  mehr  und  mehr  durchdringt.
Sitzt  sie  auf  diese  Weise  in  den  oberen  Regionen  der  Gedankenwelt ­
  fest,  so  wurzelt  sie  in  roherer  Form  in  den  unteren  noch  fester,
was  den  Trugschlüssen  der  Schutzzöllner  trotz  ihrer  augenscheinlichen
Inkonsequenzen  und  Absurditäten  so  festen  chalt  verleiht,  ist  der  Glaube,
daß  die  für  Löhne  zur  Verteilung  gelangende  Summe  in  jedem  Staat
eine  fest  bestimmte  sei,  und  von  der  Konkurrenz  der  „ausländischen
Arbeit"  noch  weiter  verkleinert  werden  müsse.  Derselbe  Glaube  liegt
auch  den  meisten  der  Theorien  zugrunde,  welche  auf  die  Abschaffung
des  Zinses  und  Beschränkung  der  Konkurrenz  als  die  Mittel  hinweisen,
um  den  Anteil  des  Arbeiters  an  der  Produktion  zu  vergrößern;  und
er  schießt  in  jeder  Richtung  empor  bei  allen  denen,  die  nicht  genug
denken,  um  eigene  Theorien  zu  haben,  wie  dies  z.  B.  die  Spalten  der
Zeitungen  und  die  Debatten  der  gesetzgebenden  Körper  beweisen.
So  weit  verbreitet  und  tief  gewurzelt  diese  Theorie  aber  auch  ist,
es  scheint  mir,  daß  sie  mit  unleugbaren  Tatsachen  nicht  übereinstimmt.
Denn  wenn  der  Arbeitslohn  von  dem  Verhältnis  zwischen  den  nach
Beschäftigung  verlangenden  Arbeitern  und  der  Summe  des  zu  solcher
Beschäftigung  bestimmtenKapitals  abhängt,  so  muß  der  relative  Mangel
oder  Überfluß  des  einen  Faktors  den  relativen  Mangel  oder  Überfluß ­
  des  anderen  Faktors  bedingen.  Das  Kapital  müßte  also  verhältnismäßig ­
  reichlich  vorhanden  sein,  wo  die  Löhne  hoch,  und  verhältnismäßig ­
  selten,  wo  die  Löhne  niedrig  sind.  Da  nun  das  zur  Lohnzahlung
benutzte  Kapital  zum  großen  Teil  aus  dem  beständig  Anlage  suchenden
Kapital  bestehen  muß,  so  wäre  der  herrschende  Zinsfuß  der  Maßstab
des  relativen  Mangels  oder  Überflusses  an  Kapital.  Wenn  es  daher

x )  Dies  scheint  mir  mit  Thorntons  Einwendungen  der  Lall  zu  sein;  denn  während
er  das  Vorhandensein  eines  vorherbestimmten  Lohnfonds,  der  aus  einem  zum  Ankauf
von  Arbeit  beiseite  gelegten  Teil  der  Kapitalien  bestehe,  leugnet,  hält  er  doch  dafür
(worauf  es  füglich  allein  ankommt),  daß  die  Löhne  aus  dem  Kapital  bestritten  würden,
und  daß  Kapitalvermehrüng  oder  -Verminderung  gleichbedeutend  sei  mit  Vermehrung
oder  Verminderung  des  zur  Bestreitung  der  Löhne  verfügbaren  Kapitals.  Der  lebhafteste ­
  Angriff  auf  die  Lohnfondstheorie,  den  ich  kenne,  ist  der  von  Professor  Francis
A.  Walker  (Die  Lohnfrage.  New  Pork  *876),  doch  gibt  auch  er  zu,  daß  die  Löhne  zum
größten  Teil  vom  Kapital  vorgeschossen  würden  —  was  so  ziemlich  alles  ist,  was  der
eifrigste  Anhänger  der  Lohnfondstheorie  nur  verlangen  kann  —  während  er  gleichzeitig ­
  die  Malthussche  Theorie  vollständig  anerkennt.  Somit  weichen  seine  praktischen
Schlußfolgerungen  in  keiner  weise  von  denjenigen  ab,  zu  denen  die  Anhänger  der  herrschenden ­
  Theorie  gelangen.
            
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