Full text: Fortschritt und Armut

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Bevölkerung und Unterhaltsmittel. 
Buch II. 
in geringem Grade angehäuft werden können, und daß die Länder, 
gleich der großen Mehrheit der Individuen, aus der ftand in den Mund 
leben. Güter vertragen keine große Anhäufung; außer in wenigen 
unbedeutenden Formen halten sie sich nicht. Die Stosse des Erdballs, 
welche, wenn sie durch die Arbeit in die gewünschte Form gebracht 
sind, die Güterwelt ausmachen, streben beständig nach ihrem Urzustände 
zurück. Einige Güterformen überdauern nur wenige Stunden, andere 
wenige Tage, andere wenige Monate, wieder andere wenige Jahre, 
und sehr wenige gehen von einer Generation zur anderen über. Nehmen 
wir Güter in einigen ihrer nützlichsten und dauerndsten Formen an — 
Schisse, ftäuser, Eisenbahnen, Maschinen. Falls nicht beständig Arbeit 
aufgewendet wird, um sie zu erhalten und zu erneuern, so werden sie 
fast unverzüglich nutzlos werden. Man bringe die Arbeit in einem Lande 
zum Stillstand, und die Güter werden beinahe so schnell vergehen, wie 
der Strahl eines Springbrunnens, sobald der Wasserzufluß abgeschnitten 
wird. Man lasse dann wieder die Arbeit sich betätigen, und die Güter 
werden fast unverzüglich wieder erscheinen. Dies hat man längst beob 
achtet, wo Krieg oder andere Kalamitäten Güter zerstörten, die Bevölke 
rung aber unverletzt blieb. In London gibt es heutzutage nicht weniger 
Güter trotz des großen Feuers von 1.666, noch in Ehikago trotz derselben 
Kalamität im Jahre 1870. Auf jenen vom Feuer verheerten Grund 
stücken sind unter der ftand der Arbeit prächtigere Gebäude, gefüllt 
mit größeren Warenlagern, entstanden, und der mit der Geschichte der 
Stadt unbekannte Fremde würde sich, wenn er die großartigen Straßen 
entlang geht, nicht träumen lassen, daß vor wenigen Jahren alles so 
schwarz und wüst da lag. Dasselbe Prinzip —- daß die Güter beständig 
wieder geschaffen werden — ist in jeder neuen Stadt in die Augen 
fallend. Bei gleicher Bevölkerung und gleicher Leistungsfähigkeit der 
Arbeit wird die Stadt von gestern so viel besitzen und genießen als die 
von den Römern gegründete. Niemand, der Melbourne oder San 
Franzisko gesehen, kann zweifeln, daß, wenn die Bevölkerung Englands 
nach Neuseeland versetzt würde und alle angehäuften Güter zurück 
blieben, Neuseeland bald so reich wäre als England jetzt ist; oder um 
gekehrt, daß wenn die Bevölkerung Englands auf die kleine Zahl der 
jetzigen Bevölkerung Neuseelands beschränkt wäre, sie trotz ihrer 
angehäuften Güter bald ebenso arm sein würde wie diese. Angehäufte 
Güter scheinen in bezug aus den sozialen Organismus fast genau dieselbe 
Rolle zu spielen, wie angehäufte Nahrung in bezug auf den physischen 
Organismus. Einige angehäufte Güter find nötig und können bis zu 
einem gewissen Umfange in Notfällen in Anspruch genommen werden; 
aber die von früheren Generationen produzierten Güter können so wenig 
zur Konsumtion der Gegenwart dienen, als die Mahlzeiten, die jemand 
im vergangenen Jahre aß, ihn heute mit Kraft versehen können. 
Aber auch ohne diese Betrachtungen, die ich mehr wegen ihrer 
allgemeinen als ihrer besonderen Tragweite anstellte, ist es augenfchein-
	        
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