Full text: Fortschritt und Armut

Kap. I. 
Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stühe. 
geben haben würde, d. h. daß, wenn Smith nicht den Grund gelegt hätte Malthus 
nicht das Gebäude hätte errichten können." 
Die famose Lehre, welche von ihrem ersten Auftreten an das 
Denken jo mächtig beeinflußt hat, und zwar nicht allein auf dem Ge 
biete der Nationalökonomie, sondern auch in den Regionen noch höherer 
Spekulation, wurde durch Malthus in dem Satze formuliert, daß es 
(wie das Wachstum der nordamerikanifchen Kolonien beweise) die 
natürliche Tendenz der Bevölkerung sei, sich wenigstens alle 25 Jahre 
zu verdoppeln, somit in geometrischem Verhältnis zuzunehmen, während 
die vom Boden erzielbaren Unterhaltsmittel „unter den der menschlichen 
Tätigkeit günstigsten Umständen nicht schneller als in arithmetischem 
Verhältnis, d. h. alle 25 Jahre nur um ebensoviel, als jetzt produziert 
wird, zunehmen können". Malthus fährt naiverweise danach fort: 
„Die unausbleiblichen Wirkungen dieser beiden verschiedenen Zunahme 
verhältnisse sind in ihrer Gegenüberstellung sehr auffallend." Und in 
Kapitel I stellt er sie einander folgendermaßen gegenüber: 
„veranschlagen wir die Bevölkerung Englands auf U Millionen und nehmen 
dessen gegenwärtige Produktion als ausreichend für den Unterhalt dieser Anzahl 
an. Nach den ersten 25 Jahren würde die Bevölkerung 22 Millionen betragen, und 
da die Unterhaltsmittel gleichfalls verdoppelt wären, so bliebe das Verhältnis das 
selbe. tzn den nächsten 25 Jahren würde die Bevölkerung auf 44. Millionen steigen, 
die Unterhaltsmittel jedoch nur für 55 Millionen ausreichen, tzn der nächsten Periode 
erreichte die Bevölkerung 88 Millionen, während die Unterhaltsmittel nur zur Er 
haltung der Hälfte dieser Zahl genügten. Und am Ende des ersten Jahrhunderts 
würde die Bevölkerung \?6 Millionen betragen, die Unterhaltsmittel dagegen nur 
für 55 Millionen ausreichen, so daß eine Bevölkerung von *2* Millionen Menschen 
völlig unversorgt wäre. 
„Nehmen wir die ganze Erde anstatt dieser Insel, so würde die Auswanderung 
natürlich ausgeschlossen sein, und veranschlagen wir die jetzige Bevölkerung auf 
tooo Millionen, so würde das Menschengeschlecht in folgender Proportion zunehmen: 
\, 2, 4, 8, Z6, 32, 64, *28, 256, die Unterhaltsmittel dagegen in dieser: 2, 3, 4, 5, 
6, 2, 8, 9. In Zwei Jahrhunderten würde die Bevölkerung zu den Unterhaltsmitteln 
sich wie 256 zu 9 verhalten^ in drei Jahrhunderten wie 4096 zu *3 und in 2000 Jahren 
wäre das Mißverhältnis unberechenbar." 
Lin derartiges Ergebnis wird natürlich durch die physische Un 
möglichkeit verhindert, daß mehr Menschen existieren können als Unter 
halt zu finden vermögen, und daraus schließt Malthus, daß diese Tendenz 
der Bevölkerung zu unbegrenzter Vermehrung entweder durch mora 
lische Beschränkung der Fortpflanzung oder durch die verschiedenen 
Ursachen, welche die Sterblichkeit vermehren, und welche er in Laster 
und Elend auflöst, im Zaum gehalten werden müsse. Die die Fort 
pflanzung hindernden Ursachen nennt er die vorbauende ftemmung; 
die die Sterblichkeit vermehrenden Ursachen nennt er die positive Hem 
mung. Dies ist die famose Malthussche Lehre, wie sie in seinem „Ver 
such über die Bevölkerung" entwickelt ist. 
Es lohnt sich nicht der Mühe, bei dem, in der Annahme geometrischer 
und arithmetischer Zunahmeverhältnisse enthaltenen Trugschluß zu 
verweilen, der ein Spiel mit Proportionen ist, das nicht einmal an jenes 
George, Fortschritt und Armut. 
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