Full text : Wirtschaft als Leben

XXIV

Begleitwort.

durchaus  anderen  Hergang  nimmt,  als  in  der  Naturwissenschaft.  Die
ganze  Methodologie  des  „Idealtypus“  gründet  sich  ja  letzten  Endes
auf  die  besondere  Eigenart  des  „Stoffes  der  Sozialwissenschaft“!
So  sucht  auch  den  Rückhalt  an  „Tatsachen“  zwar  jegliche  Erfahrungswissenschaft, ­
  in  der  einen  nicht  anders  wie  in  der  anderen
Gruppe.  Aber  jener  tiefe  Gegensatz  im  Stoff  des  erfahrungswissenschaftlichen ­
  Erkennens  schneidet  schroff  auch  in  die  Welt  der  Tatsachen
ein.  Es  führt  der  gegensätzliche  Modus  der  Erfahrung  unabwendbar
dazu,  daß  die  Wirklichkeit  da  und  dort  ganz  anders  zu  Tatsachen  eingedacht ­
  und  verbucht  wird.  „Tatsache“  heißt  es  da  wie  dort,  aber
vom  „Faktum“  scheidet  sich  grundwesentlich  das  „Datum“:  Die  Sozialwissenschaft ­
  hat  „Fakten“  geistig  zu  bewältigen,  die  Naturwissenschaft
„Daten“.  Damit  verknüpft  es  sich  auch,  und  gerade  dies  ist  von
höchster  Wichtigkeit,  daß  unsere  Wissenschaften  das  letzte  Ziel  der
Erkenntnis  ganz  wo  anders  suchen  müssen  als  die  Naturwissenschaft.
Nur  in  der  Naturwissenschaft  spricht  sich  das  letzte  Wort  der  Erkenntnis
im  „Naturgesetz“  aus.  Aber  wahnhaft  hält  man  daran  fest,  daß  ein
Gleiches  auch  bei  uns  gälte.  In  Wahrheit  ist  es  von  einer  sehr
minderen  Erkenntniswürde,  was  sich  bei  uns  als  „Gesetz“  brüstet.  Wo
aus  bloßer  Durchzählung  Regelmäßigkeit  der  Zahlen  hervorgeht,  wie
etwa  bei  der  Zahl  der  jährlichen  Selbstmorde  und  Verbrechen,  da  ist
von  einem  Zusammenhang  im  Geiste  des  „Gesetzes“  überhaupt  keine
Rede;  hier  bestätigt  sich  nur  schlecht  und  recht  der  Wahrscheinlichkeitskalkül ­
  in  der  großen  Zahl  des  Durchgezählten.  Aber  selbst  das
vielberufene  Zusammentreffen  etwa  der  Bewegung  von  Getreidepreis
und  Heiratsziffer,  auch  das  läßt  doch  nichts  in  der  Art  eines  Naturgesetzes ­
  „begreifen“,  als  ein  Mittel  der  Erkenntnis,  es  will  umgekehrt
seinerseits  „verstanden“  sein  und  nichts  fällt  auch  leichter  als  diesen
Zusammenhang  zu  „verstehen“.  Ähnlich  liegt  es  bei  den  Zusammenhängen, ­
  die  aus  Zwang  der  Vernunft  weben  und  sich  aus  dem  anschaulich ­
  Erlebten  unmittelbar,  und  so  auch  „idealtypisch“  generell
aufgreifen  lassen.  In  bündiger  Fassung  ausgesagt,  ergeben  diese
vernunftmäßig  zwingenden,  also  völlig  durchschaubaren  Zusammenhänge ­
  dann  die  berühmten  „ehernen  Gesetze  des  Wirtschaftslebens“,
gleich  der  Bauernregel  von  „Angebot  und  Nachfrage“.  Darauf  aber
verfallen  kann  natürlich  jeder  vernünftig  Denkende  auch  außerhalb
der  Wissenschaft,  jederzeit,  und  tatsächlich  sind  diese  Dinge  der  Praxis
des  Lebens  längst  schon  geläufig.  Man  glaubt  also  das  „letzte  Ziel“  der
Wissenschaft  ausgerechnet  dort  zu  sehen,  wo  sie  selber  in  Wahrheit  noch
gar  nicht  angefangen  hat!  Es  ist  einmal  so,  unsere  Wissenschaften
stellen  sich  besonders  darin  in  einen  scharfen  Gegensatz  zur  Naturwissen-
            
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