Ausblicke, XV.
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die Nationalökonomie in viel zu blühender Jugend; die Historie ist
zwar mit ihren naivsten, ungeschriebenen Anfängen so alt, wie Menschen
ihrer Väter Schicksale nicht vergaßen; aber zu einem Verhältnis, über
das sie nachdenken sollte, gehört auch das Zweitbeteiligte. Ungleich
saftiger, schon unserer Anlehnung an liebe Worte halber, erscheint die
Trennung nach „Gebieten“. Nimmt man die Gabelung der „aktions
wissenschaftlichen“ Erkenntnis — einmal mit der Geschichte, dann mit
dem Menschheitsleben als Gegenstand — für das Primäre, so ergäbe
sich als das Sekundäre die Trennung zwischen dem „Geschichtlichen
und dem „Ungeschichtlichen“. Es ist klar, daß man auch dabei nicht
stehen blieb.
Wenn die Historie sofort zum Tertiären übergeht, eben zum
„Politischen“, so erscheint dies nur wohlgetan. Soll es überhaupt das
„Gebiet“ machen, dann ist der rechte Weg gleich bis zum Greifbarsten
ausgegangen. In kerniger Abrundung wird es immer wahr bleiben,
daß für das wuchtigste Geschehen, auf das ja die Historie verpflichtet
ist, ewiglich der „Staat“ als Angelpunkt erscheint! Auch in der
„Weltmonarchie“ oder im „Zukunftsstaate“ bliebe es so; ihnen gegen
über käme die Historie ebensowenig aufs Altenteil, wie vor dem
Schlaraffenland die Nationalökonomie. Nicht in „Schlachten“ allein
ist das Geschehen wuchtig, und nicht in „Tausch“ und „Arbeit allein
alltäglich I Aber für jene Hausmeinung der Historie fällt etwas
a nderes mit ins Gewicht, das als Schabernack des Wortes hier zur
engsten Sache gehört. Weil der Alltag, der als richtiger Proletarier
keine Tradition kennt, seine Vergangenheit ohne Wort beläßt, so ist
für unsere Sprache, und daher pflichtschuldigst auch für unser theore
tisches Denken, „Welt des Handelns“ und „Geschichte“ Eines! Ein
Vorurteil, das z. B. in dem bezeichnenden Ausdruck eines genialen
Pfadfinders — „geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit“ — von Haus
aus überwunden erscheint; hier ist eben „Gesellschaft“ genau so
Wen ig als Gegensatz zu „Wirtschaft“ gemeint, wie etwa als Gegensatz
Zu »Zurückgezogenheit“. Daher die Scheu der Historie, ohne Um
stände die „Geschichte“ in Beschlag zu nehmen. Das erlaubt sich
nu r der Unterricht, indem er das Historische vor allem darbietet, nur
mit einigen kunst-, literatur- und „kulturgeschichtlichen“ Löckchen
verziert. Die Wissenschaft aber bescheidet sich als „Politische Ge
schichte“ ; denn sie will nicht Kunstgeschichte, Rechtsgeschichte, Sitten
geschichte usw. um ihre scheinbaren Ansprüche auf die „Geschichte“
bringen. Das ruht eben unter dem Schleier des Wortes, wie jene
anderen Wissenschaften, wenn sie auch tatsächlich an der „vor-
arbeitenden“ Historie Anlehnung suchen, im Grundsätze gar nichts mit