Full text : Wirtschaft als Leben

456

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 1

ihn  als  „auf  einem  Plateau  befindlich“  beurteilen,  ist  dabei  von  dem
ganzen  übrigen  Zusammenhang  abstrahiert.  Der  Berg  ist  dann  einfach
in  eine  rein  gedankliche  Verbindung  mit  allen  anderen  „auf
einem  Plateau  befindlichen“  Bergen  gebracht  worden.  Wie  in  diesem
Falle,  ist  es  überhaupt  der  Erfolg  dieser  arthaften  Urteile,  daß  sie  die
Zugehörigkeit  des  Konkretums  zu  einer  Unterart  des  Stammbegriffes
bejahen  oder  auch  verneinen.  Auch  das  Urteil:  „dieser  Berg  ist  hoch“,
unterstellt  das  Konkretum  der  Unterart  der  „hohen  Berge“.  Nur  lassen
sich  diese  „quantitativen“  Urteile  auch  in  zahlenmäßiger  Schärfe  fällen,
indem  unser  theoretisches  Denken  eingreift,  eine  Einheit,  eine  Skala
wählt;  und  dieser  gegenüber  vollzieht  sich  dann  jener  Vergleich,
der  überhaupt  sämtlichen  Urteilen  über  die  Artung  unterliegt.
Über  die  arthaften  Urteile  hinweg  führt  der  Weg  zur  Erfassung
der  Eigenart,  sofern  man  diese  im  buchstäblichen  Sinne  meint.
Sie  ist  dann  erfaßt,  sobald  das  Konkretum  einer  Unterart  des  Stammbegriffes ­
  zugesprochen  wird,  von  der  wir  annehmen  dürfen,  daß  ihr
einziges  Exemplar  mit  dem  Konkretum  selber  vorliegt.  Wenn
jedes  arthafte  Urteil,  dem  logischen  Erfolg  nach,  den  Stammbegriff
determiniert,  so  wäre  in  diesem  Falle  die  extreme  Determination ­
  des  Stammbegriffes  eingetreten.  Vom  Standpunkte
des  praktischen  Denkens  aus  gilt  uns  übrigens  die  Eigenart  schon
dann  als  erfaßt,  sobald  die  Determination  des  Stammbegriffes  zu  einer
Unterart  geführt  hat,  die  uns  als  solche  nicht  mehr  geläufig  ist;  die
also  gleichsam  schon  des  klassifikatorischen  Wertes  entbehrt.  Wo  es
uns  im  Umkreise  des  gewöhnlichen  Lebens  auf  das  Besondere  ankommt,
orientieren  wir  uns  mit  Vorliebe  an  der  so  erfaßten  Eigenart  der
Dinge;  und  um  so  lieber,  weil  dabei  unser  anschauliches  Vorstellen  —
die  bildhaften  Erinnerungen  —  in  der  glücklichsten  Weise  unserem
begrifflichen  Denken  sekundiert.
Die  extreme  Determination  des  Stammbegriffes  tritt  früher  oder
später  ein,  je  nach  der  Natur  der  determinierenden  Urteile.  Ließ  sich
unser  Berg  als  „Kalkberg“  bestimmen,  dann  mag  er  nacheinander  als
„weißer“,  als  „spitzer“,  als  „schroffer“  bestimmt  werden,  ohne  daß  wir
seiner  Eigenart  wesentlich  näher  kommen;  die  letzteren  Bestimmungen
sind  eben  auf  „naturgesetzliche“  Beziehungen  hin  der  Bestimmung  als
„Kalkberg“  beigeordnet.  Könnten  wir  aber  den  „Kalkberg“  außerdem ­
  als  „Kuppelberg“  bestimmen,  dann  wären  wir  der  Eigenart  dieses
Konkretums  beträchtlich  näher  gekommen,  was  sich  offenkundig  wieder
aus  den  „naturgesetzlichen“  Beziehungen  erklärt.  In  ganz  anderer  Art
wieder  führt  die  quantitative  Bestimmung,  sobald  sie  zahlenmäßig
präzis  geliefert  wird,  in  einem  einzigen  Schritte  nahe  an  die  extreme
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.