Full text : Wirtschaft als Leben

Abschnitt  1.

23

ebensogut  sagen,  es  fängt  dort  erst  seine  Bewegung  an.  Dieser
Gedanke  aber  liegt  im  Jenseits  jener  Selbstverständlichkeiten,  als
ihre  gemeinsame,  unentratbare  Voraussetzung;  er  bleibt  daher  dem
herkömmlichen  Denken  im  Wesen  unzugänglich.
Nun,  da  er  ein  erstes  Mal  zur  Aussprache  gekommen,  kann  dieser
Gedanke  einen  zweifachen  und  dabei  ganz  verschiedenen  Eindruck
wachrufen.  Es  ist  einmal  schon  möglich,  daß  in  diesem  Gedanken
wieder  nur  ein  überaus  platter  Gemeinplatz  ersehen  wird;  etwas,  was
sich  doch  ganz  und  gar  von  selber  verstünde.  Darin  läge  nun  für  den
Standpunkt  dieser  Untersuchung  offenbar  kein  Vorwurf;  und  es  würde
dies  einfach  besagen,  daß  die  herkömmliche  Anschauung  nicht  damit
schon  an  sich  selber  irre  wird,  sobald  man  ihr  gleichsam  einen
Spiegel  vorhält,  sie  in  ihren  eigenen  Folgerungen  sich  beschauen  laßt.
Es  ist  aber  auch  der  Gegenfall  möglich:  Die  herkömmliche  Anschauung ­
  könnte  in  der  Tat  unter  den  vorliegenden  Verhältnissen  an
sich  selber  irre  werden.  Denn  jene  vier  Gedanken,  aus  denen  ich  den
fraglichen  gefolgert  habe,  gelten  ja  nicht  mit  der  vollen  Befugnis  letzter
Wahrheiten  für  selbstverständlich;  vielmehr  nur  in  dem  fadenscheinigen
Sinne,  daß  sie  unbesehen  hingenommen  werden.  Sie  sind  nur
im  Sinne  eines  bisher  unerschütterten  Glaubens  von  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  getragen.  Die  letztere  aber  könnte  jetzt  nur  zu
leicht  —  auf  plötzlich  auftauchende  Selbstzweifel  hin  —  sich  in  zwölfter
Stunde  umbilden  wollen.  Indem  sie  sich  damit  selber  verleugnet,  verleugnete
  sie  auch  die  Folgerungen,  die  ihrer  bisherigen  Gestalt  gemäß
sind.  Und  unsere  Untersuchung  könnte  dann  zum  mindesten  dem  Vorwurf ­
  begegnen,  daß  sie  offene  Türen  einrenne;  daß  sie  Dinge  erst
umständlich  zu  kritisieren  sich  anschicke,  an  die  ohnehin  niemand
glaube.
Ich  trete  deshalb  unverweilt  den  Beweis  für  diesen  Gedanken  an.
Es  soll  aber  nicht  etwa  bewiesen  werden,  daß  er  von  wahrem  Inhalte,
für  sich  ein  richtiger  sei;  seine  eigene  Gültigkeit  bleibt  vielmehr  noch
gänzlich  dahingestellt.  Für  den  Augenblick  ist  nur  der  Nachweis  zu
führen,  daß  ein  Gedanke  dieses,  und  gen%u  dieses  Inhaltes  in  der  Tat
die  Rolle  spiele,  die  ich  dem  fraglichen  Gedanken  zugesprochen  habe:
als  unentratbare  Voraussetzung  für  Gedanken,  welche  dem  herkömmlichen ­
  Denken  über  die  „Wertlehre“  für  selbstverständlich  gelten,
eine  verborgene  Grundlage  dieses  herkömmlichen  Denkens  zu
sein.  Ob  er  für  sich  selber  nun  wahr  oder  falsch  sei:  in  dieser
Hinsicht  wenigstens  erweist  sich  dieser  Gedanke  von  tatsächlichem
Charakter  und  ist  kein  bloßes  Hirngespinst  und  nicht  aus  der  Luft
gegriffen.  Und  dafür  ist  nun  der  Beweis  zu  erbringen.
            
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