Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

264  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Während  der  Depression  ist  auch  der  Geldmarkt  flüssiger  und  die
Geldbeschaffung  durch  Staat  und  Gemeinden  leichter  und  billiger.
Eine  gewisse  Erschwerung  wird  freilich  darin  liegen,  daß,  wie
wir  ja  oben  gesehen  haben,  in  den  Zeiten  der  Depression  viele
laufende  Einnahmen  geringere  Beträge  abwerfen,  als  während  der
Hochkonjunktur.
Freilich  ist  diese  Rücksichtnahme  der  öffentlichen  Betriebe  auf
die  Konjunkturlage  nicht  von  diesen  allein  abhängig.  Sonst  wäre  es
ja  auch  schwer  verständlich,  warum  diese  ihre  Hauptkäufe  nicht  in
der  Depressionsperiode  betätigen,  der  Zeit,  in  der  sie  ja  wesentlich
schneller  und  billiger,  als  während  der  Hochkonjunktur  geliefert
bekommen.  Man  muß  bei  dieser  Frage  immer  im  Auge  behalten,  daß
diese  öffentlichen  Betriebe  durch  ihre  engen  Beziehungen  zu  den
Finanzen  von  Staat  und  Gemeinde  in  dieser  Hinsicht  nicht  immer
freie  Herren  ihrer  Entschlüsse  sind.  In  dieser  Hinsicht  wäre  es
äußerst  wichtig,  vor  allem  im  Hinblick  auch  auf  die  stärkere  Durchdringung ­
  dieser  öffentlichen  Betriebe  mit  mehr  kaufmännischem
Geiste,  wenn  alle  diese  Unternehmungen  von  der  allgemeinen  Finanzverwaltung ­
  losgelöst  und  zu  sog.  ausgeschiedenen  Verwaltungszweigen
umgestaltet  würden,  wie  es  ja  jetzt  z.  T.  auch  geschehen  ist.
Wo  Bestellungen  während  der  Hochkonjunktur  gemacht  werden,
da  kann  die  Lage  des  Geldmarktes  und  die  dadurch  erschwerte
Geldbeschaffung  für  die  öffentlichen  Körperschaften  dazu  führen,
daß  diese  gezwungen  sind,  in  zu  weitgehendem  Maße  den  Kredit
ihrer  Lieferanten  in  Anspruch  zu  nehmen,  eine  Tatsache,  die
vielleicht  ihrerseits  wieder  ungünstig  auf  den  weiteren  Verlauf  der
Konjunktur  wirken  kann.  R.  Blum,  der  Direktor  der  Berlin-Anhaltischen
  Maschinenbaugesellschaft,  hat  kurz  vor  dem  Kriege
in  der  Zeitschrift  „Technik  und  Wirtschaft“  über  zwei  Bestellungen
seitens  zweier  Stadtverwaltungen  das  Folgende  berichtet:  Die  eine
verlangte,  daß  die  Bausumme  vom  Tage  der  Fertigstellung  an  zu
o  o/o  verzinslich  auf  ein  Jahr  gestundet  werde,  „damit  wir  in  der
Lage  sind,  zur  Aufnahme  der  nötigen  Anleihe  eine  günstigere  Konjunktur ­
  abzuwarten“.  Die  andere  Stadtverwaltung  verlangte,  daß  die
Bezahlung  auf  zwei  Jahre  verteilt  werden  sollte,  indem  das  erste
Drittel  am  1.  Juli  1914,  also  bei  Fertigstellung,  das  zweite  Drittel
am  1.  Juni  1915,  das  dritte  Drittel  am  1.  Juni  1916  fällig  werden
solle.  Dabei  betont  Blum,  daß  es  sich  hierbei  um  keine  Ausnahmen
handle,  sondern  daß  er  hunderte  von  Briefen  zeigen  könne,  wo  dem
verschiedensten  Industrien  Deutschlands  von  den  Behörden  oft  noch
viel  schärfere  Zumutungen  gemacht  worden  seien 1 ).“

■*)  Jahrgang  1913.  S.  191.  Es  sind  nicht  nur  Stadtgerneinden,  über
            
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