Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

266  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

solches  Eingreifen  und  solche  Maßnahmen  noch  entschiedener  und
zielbewußter  ausbilden.
Wir  haben  nun  oben  gesehen,  daß  derartige  krisenhafte
Störungen  im  Wirtschaftsleben  erst  mit  Entstehung  der  modernen
Produktionsweise  aufgekommen  sind,  erst,  als  mit  der  Trennung  des
Produzenten  vom  Verbraucher  die  Güterproduktion  immer  mehr
den  Charakter  der  Erwerbs-  und  Verkehrswirtschaft  annahm,  und
sie  immer  mehr  Warenproduktion  wurde.  Wir  haben  auch  schon
oben  gesehen,  daß  gerade  an  diesem  Punkte  eine  besonders  scharfe
Kritik  des  Sozialismus  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung  gegenüber ­
  eingesetzt  hat.  Es  erhebt  sich  dieser  Kritik  gegenüber  die
Frage,  ob  sich  in  einer  Wirtschaftsordnung,  welche  nicht  mehr  wie
die  heutige  auf  wirtschaftlicher  Freiheit  und  Privateigentum  an
den  Produktionsmitteln  beruht,  wo  nicht  mehr  der  Erwerbsgedanke
für  die  Art  und  den  Umfang  der  Produktion  das  Bestimmende  ist,
sich  solche  Gleichgewichtsstörungen  zwischen  Produktion  und  Konsumtion ­
  vermeiden  lassen.
Der  Sozialismus  will  ja  diese  heutige  Verkehrs  wirtschaftliche
Organisation  der  Volkswirtschaft  ersetzen  durch  eine  solche  auf
gemeinwirtschaftlicher  Grundlage.  In  dieser  neuen  Ordnung  soll  die
Warenproduktion  aufgehoben  sein,  an  Stelle  der  Produktion  für  den
Markt,  für  den  Verkauf,  soll  eine  solche  für  den  Selbstbedarf  der  Mitglieder ­
  der  Gesellschaft  treten.  Zunächst  soll  die  Gesellschaft  im
Rahmen  des  einzelnen  Staates  eine  einzige  große  Genossenschaft
bilden,  die  sich  aber  dann  später  zu  einer  solchen  auf  internationaler
Grundlage  auswachsen  soll 1 ).  So  soll  an  die  Stelle  der  bisherigen
Erwerbswirtschaft  eine  sogenannte  Bedarfsdeckungswirtschaft  treten.
Die  ganzen  Produktivkräfte  sollen  immer  mehr  zentralisiert,  die  ganze
Produktion  immer  mehr  einem  einheitlichen  Plane  unterworfen  werden. ­
  Von  einer  Zentralstelle  aus  sollen  Produktion  und  Konsumtion
geleitet  und  so  beide  im  Gleichgewicht  gehalten  werden.  In  diesem
Zusammenhang  liegt  natürlich  die  Frage  nahe,  ob  denn  wirklich  in
einer  so  organisierten  Wirtschaft  dieses  Gleichgewicht  erhalten  werden ­
  kann,  oder  ob  doch  nicht  auch  hier  unvermeidbar  Unstimmigkeiten ­
  Vorkommen  müssen.  Es  würde  zu  weit  führen,  an  dieser
Stelle  diesem  Problem  genauer  nachzugehen.  Denn  seine  Erörterung
kann  nicht  mit  wenigen  Sätzen  abgetan  werden.  Nur  auf  diese  Frage
selbst  sollte  zum  Schlüsse  dieser  Betrachtung  mit  ganz  wenigen
Bemerkungen  noch  hingewiesen  werden.

D  Vgl.  dazu  Kautsky,  Das  Erfurter  Programm.  6.  Aufl.  1905.  4.  Abschnitt ­
  :  Der  Zukunftsstaat.
            
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