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IV.
Nicht zu verwechseln ist der Geldmarkt mit dem Kapital-
markt und das Agio mit dem Zins. Aus der Auffassung des
Geldes als Verkörperung subjektiver, abstrakter, nominaler, aktueller
Kaufkraft folgt mit Notwendigkeit seine — wiederum privatwirt-
schaftliche — Wertung als Kapitalkraft. Kann jedes dauer-
hafte Gut als „vorgetane Arbeit, der noch Arbeit nachzutun ist“
"Rodbertus), „Realkapital“ (Cassel), „Produktiv- oder Sozialkapital“
'Böhm-Bawerk) der Fortführung des Wirtschaftsprozesses dienen,
so kann das, privatwirtschaftlich gesehen, kraft seiner steten
Umtauschmöglichkeit auch das Geld: ein „Kapital im abstrakten,
geldwirtschaftlichen Sinne“, wie Cassel es nennt, „eine Geld-
summe, die für den Augenblick in einem gewissen konkreten
Realkapital verkörpert ist, die aber zu jeder beliebigen Zeit durch
Verkauf desselben und Ankauf eines anderen eine neue und be-
liebige konkrete Form annehmen kann“ (Sozialökonomie, S. 43).
Die Kapitalnatur des Geldes ist außerordentlich umstritten. Im
einzel wirtschaftlichen Sinne läßt man es meist als solches gelten: „An
sich ist das Geld allerdings unfruchtbar, daher streng genommen nicht Kapital-
zut, von dem immer ein Ertrag erwartet wird; für das einzelne Wirtschaf{ts-
subjekt hat es aber die volle Wirkung eines Kapitalsgutes, weil man sich mit
hm unter normalen Verhältnissen jederzeit ein Kapitalgut beschaffen kann,
las selbst einen Ertrag liefert‘ (Gruntzel, S. 21; ähnlich Mises,
Theorie, S. 84). Dagegen zählen viele — außer den eben Genannten auch
Oppenheimer und Unruh — das Geld nicht zum rein wirtschaft-
.ichen Kapital; denn „pecunia pecuniam parere non potest: das Geld kann
ıicht hecken‘“, Andere wieder nehmen hieran keinen Anstoß; so Böhm-
Bawerk (II, S. 70/7.) und vor allem Schumpeter, der das Produk-
‘ivkapital geradezu „definiert als jene Summe von Geld und anderen Zah-
lungsmitteln, welche zur Überlassung an Unternehmer in jedem. Zeitpunkte
verfügbar ist‘ (Theorie, S. 236, ähnlich auch S. 250; vgl. auch Helffe-
rich, S. 236). Wieder andere — Philippovich, Amonn — ver-
mitteln hier; sie sprechen rein wirtschaftliche Güter ebenso wie Geld als Kapi-
tal an, sofern beide eine durch eigene Verwendung oder kreditweise Über-
lassung nutzbare ‚„‚Vermögensmacht an sich‘, eine „abstrakte wirtschaft-
liche Verfügungsgewalt‘“ darstellen. Adolph Wagner läßt gleichfalls
„Geldkapital und Naturkapital‘ gelten (S. 171) und nennt das Geld in seiner
Kapitalfunktion ‚„Produzentengeld, Unternehmergeld, Geschäftsgeld‘“, —
im Gegensatz zum ‚„„Konsumenten- oder Konsumenteneinkaufsgeld‘“ (S. 159).
Ganz ablehnend verhält sich Bendixen: „Der Geldbegriff hat in
seiner Reinheit mit Kapital nichts zu tun‘“ (Wesen, S. 42).
Die heutigen Geldtheoretiker vertreten also in ihrer Über-
zahl eine ganz und gar privatwirtschaftliche, im ‚engsten Sinne
„kapitalistische“ Auffassung von der Kapitalnatur des Geldes. Um
so mehr muß wenigstens der Unterschied des abstrakten, nomi-