I
Einleitung.
Die russische nationalökonomische Literatur verfolgt zwar sehlaufmerksam
die industrielle Entwicklung Rußlands, doch meistens
faßt sie das Problem sehr einseitig auf. Für die Entwicklung der
Industrie braucht man nicht nur einen Schutz vor der ausländischen
Konkurrenz oder irgendwelche andere Förderungsmittel, — man
braucht vor allem die innere Kraft der ökonomischen Expansion,
deren Maßstab man in der kapitalbildenden Fähigkeit der Nation
erblicken kann. Die Größe der nationalen Ersparnisse aber, die
man für die Entwicklung der Produktivkräfte verwendet, befindet
sich im engsten Zusammenhang mit der Intensivität der Steuerbelastung.
Für den ökonomischen Fortschritt eines Landes hat
somit eine entscheidende Bedeutung nicht die Zoll-, sondern die
Finanzpolitik der Regierung. Die Frage darüber, wie die Finanzpolitik
auf das Wachstum der Kapitalien und auf die Entwicklung
der Produktivkräfte in Rußland gewirkt hat, blieb bis heute so
gut wie unerörtert. Die vorliegende Arbeit möchte den Versuch
machen, diese Lücke auszufüllen.
Dank der außerordentlich hohen Norm der Steuerbelastung,
die die wirtschaftlichen Kräfte des Landes im höchsten Maße
schwächt, übt die russische Regierung einen unvergleichlich größeren
Einfluß auf das wirtschaftliche Leben des russischen Volkes aus,
als es die westeuropäischen Regierungen in ihren Ländern vermögen.
Ein glänzendes Beispiel dieses Einflusses ist das Aufblühen
der russischen Industrie in den Jahren 1895—1901, das durch die
Maßnahmen des f'inanzministeriums geschaffen wurde. Bei dieser
Sachlage finden wir es methodologisch unrichtig, wenn man irgendeine
Frage des ökonomischen Lebens Rußlands ohne Rücksicht
auf die Finanzpolitik und ihre ökonomischen Folgen betrachtet.
Die Finanzpolitik der Regierung wirkt aber anderseits sehr stark
auf die Richtung ihrer Wirtschaftspolitik. Daher halten wir es für
unrichtig, wenn man irgendeine P'rage der Wirtschaftspolitik, z. B.
Arch. f. Sozialwissensch. u. Sozialpol. Ergänzungsheft: Prokopowitsch. I