Full text : Methodische Einführung in die allgemeine Wirtschaftsgeographie

§  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie  usw.  7
man  ordnungsgemäß  nur  Männer  mit  Männern,  so  würde  der  Durchschnittsverbrauch ­
  an  Spirituosen  Deutschland  eher  noch  in  einem  ungünstigeren ­
  Lichte  erscheinen  lassen,  als  jene  afrikanischen  Besitzungen.
Die  Vergleichbarkeit  bezieht  sich  indessen  keineswegs  nur  auf
die  Eigenart  und  die  besondere  Beschaffenheit  der  zu  vergleichenden
Personen  oder  Gegenstände  wie  im  eben  erwähnten  Falle,  sondern
auch  die  nebeneinandergestellten  Grundzahlen  dürfen  nicht  allzu  verschieden ­
  sein.
Beispiel:  In  den  wirtschaftsgeographischen  Notizen  einer  wissenschaftlichen
Zeitschrift  wird  angegeben,  daß  die  Kapkolonie  im  Jahre  1911  einen  Nutztierstand
von  über  50  Mill.  Stück  gegenüber  einer  Million  in  Deutsch-Südwestafrika  im  Jahre
1912  gehabt  habe.  Weiter  wird  mitgeteilt,  daß  das  gegen  die  Jahre  1904  und  1903
einem  Anwachsen  der  Viehhaltung  in  der  Kapkolonie  um  „nur“  60  Proz.,  in  dem
deutschen  Schutzgebiet  dagegen  um  mehr  als  100  Proz.  entspreche.
Hier  wird  also  zunächst  gegen  die  oben  aufgestellte  Grundregel  gefehlt,  daß
man  nur  Gleichartiges  mit  Gleichartigem  zusammenstellen  darf,  denn  hier  sind  die
Kopfzahlen  in  der  Prozentrechnung  gleichwertig  gesetzt,  während  doch  eine  Vermehrung ­
  um  eine  bestimmte  Anzahl  von  Kindern  oder  Pferden  etwas  ganz  anderes
bedeutet,  als  eine  solche  um  ebensoviel  Schafe  oder  Ziegen.  Ferner  sind  die  Grundzahlen, ­
  von  denen  die  Berechnung  ausgeht  (etwa  30  Millionen  und  eine  halbe  Milhon),
so  ungeheuer  verschieden,  daß  der  Vergleich  ihrer  prozentualen  Vermehrung  weder
volkswirtschaftlich  noch  geographisch  irgend  etwas  besagt.  Nur,  wenn  beide  Grundzahlen ­
  im  Anfangsjahr  annähernd  gleich  oder  wenigstens  nicht  allzu  weit  voneinander
entfernt  gewesen  wären,  würde  eine  solche  Nebeneinanderstellung  berechtigt  sein.
So  aber  muß  sie  ohne  weiteres  falsche  Vorstellungen  von  dem  Stande  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  in  den  miteinander  verglichenen  Ländern  erwecken.
Will  man  solche  Entwicklungsstufen  an  der  Hand  statistischer  Erhebungen
in  wirtschaftsgeographisch  richtiger  Weise  miteinander  vergleichen,  so  mußte  in  vorliegendem ­
  Falle  etwa  die  Vermehrung  der  Wollschafe  vom  Anfangsjahre  der  rationellen
Schafzucht  an  für  beide  Länder  nebeneinander  gestellt  werden.  Dann  würde  freilich ­
  das  Bild,  das  uns  in  der  erwähnten  Notiz  unsere  eigene  Kolonie  in  einem  recht
rosigen  Lichte  zeigt,  die  entgegengesetzten  Farben  tragen.
Neben  der  Beachtung  der  eben  angegebenen  Regeln,  die  für  jede
Benutzung  von  Zahlenangaben  gelten,  hat  sich  die  geographische
Statistik  wieder  in  erster  Linie  mit  der  Frage  des  räumlichen  Vorkommens ­
  der  von  ihr  behandelten  Gegenstände  zu  beschäftigen.  Wo
es  sich  nur  um  im  Raume  bewegliche,  von  Jahr  zu  Jahr  veränderliche
Größen  handelt,  die  namentlich  in  der  Handelsstatistik  eine  besondere
Rolle  spielen,  wird  sie  allerdings  auch  die  Beziehung  solcher  Dinge
auf  eine  andere  als  die  räumliche  Einheit  nicht  entbehren  können.
In  diesem  Falle  ist  der  Mensch  selbst  der  Maßstab  und  die  Einheitszahl, ­
  auf  die  etwa  Produktionsmengen  oder  Handelsgüter  bezogen
werden,  entweder  der  Einzelne  (Beziehung  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung) ­
  oder  eine  fest  bestimmte  Einheit  (je  hundert  oder  Tausend
Einwohner  eines  Gebiets).  So  entsteht  aber  immer  wieder  ein  geographischer ­
  Maßstab,  denn  indem  wir  die  auf  diese  Weise  erhaltenen
Verhältniszahlen  miteinander  vergleichen,  erkennen  wir  schärfer  als
sonst  gewisse  Unterschiede,  die  das  eine  Land  vom  anderen  trennen.
Erst  die  Anwendung  beider  Maßstäbe  gibt  ein  nach  allen  Richtungen
klares  Bild  der  wirtschaftsgeographischen  Landschaften  und  führt  uns
zugleich  die  geographischen  Ursachen  ihrer  Verschiedenheit  hinreichend
deutlich  vor  Augen.
Beispiel:  Es  soll  im  besonderen  ein  große  Fleischmengen  verbrauchendes
Gebiet  mit  einem  diese  liefernden  verglichen  werden.  Wählen  wir  zu  diesem  Zweck
die  britischen  Inseln  und  Argentinien.  In  Großbritannien  und  Irland  kommen,  wie
wir  sahen,  auf  jedes  Tausend'  Einwohner  260  Rinder,  in  Argentinien  dagegen  5700,
d.  h.  der  Ueberschuß  über  den  Eigenverbrauch  ist  in  Argentinien  so  bedeutend,  daß
            
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