Object : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

bedrohlich 1 ).  Auch  hatte  er  sehr  gut  begriffen,  daß  sein  Heilmittel,
das  verlängerte  Zölibat,  sich  nicht  nur  als  unwirksam  erweisen  könne,
sondern  daß  es  große  Gefahren  in  sich  berge,  da  es  gerade  zu  den  Lastern,
die  er  fürchtete,  führen  könnte.  Ein  langes,  oder  noch  schlimmer  ein
immerdauerndes  Zölibat  ist  allerdings  kein  den  guten  Sitten  besonders
förderlicher  Zustand.
Malthus  war  daher  von  tiefer  Sorge  erfüllt,  und  er,  den  man  soeben
noch  für  einen  starrköpfigen  Asketen  hätte  halten  können,  zeigt  sich
jetzt  als  ein  utilitarischer  Moralist,  ähnlich  Bentham.  Da  er  die  Praktiken,
die  eine  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  unter  Umgehung  der  Empfängnis ­
  bezwecken,  nicht  verhindern  kann,  bescheidet  er  sich  schließlich
damit,  sie  hinzunehmen,  wenn  er  sie  auch  als  Laster  verurteilt.  Bei  der
Wahl  zwischen  zwei  Übeln  erscheint  ihm  dieses  geringer,  als  das,  das  sich
aus  der  Übervölkerung  ergibt 2 )-  —  um  so  mehr,  sagt  er,  als  die  Übervölkerung ­
  an  sich  schon  eine  sehr  große  Ursache  der  Unmoralität  ist,
denn  sie  hat  notwendigerweise  Elend  im  Gefolge,  erzeugt  eine  erzwungene
Promiskuität  der  Geschlechter  und  ruft  so  die  hierauf  beruhenden  Ausschweifungen ­
  hervor;  ein  Gedankengang,  der  übrigens  durchaus  richtig
ist 3  * ).  Und  so  ist  die  Lösung,  die  Malthus  zum  Schluß  annimmt,  nicht

*)  „Die  präventive  Hemmung  hat  zweifellos  ihre  Wirkung  ausgeübt,  und  die
Behauptung,  daß  sie  keinen  Teil  an  der  allgemein  verwirklichten  Einschränkung
des  Bevölkerungszuwachses  gehabt  habe,  würde  voreilig  sein;  zuzugeben  ist  aber,
daß  sie  im  Verhältnis  zu  den  anderen  Hemmungen  nur  von  geringer  Bedeutung  gewesen ­
  zu  sein  scheint“  (S.  150).
„Ich  habe  gesagt,  und  ich  halte  es  für  absolut  wahr,  daß  es  unsere  Pflicht  ist,
uns  nicht  eher  zu  verheiraten,  als  bis  wir  unsere  Kinder  ernähren  können,  und  daß  es
gleicherweise  unsere  Pflicht  ist,  uns  keinen  lasterhaften  Leidenschaften  hinzugeben.
Nirgends  aber  habe  ich  gesagt,  daß  ich  nun  erwartete,  eine  oder  die  andere  dieser
Pflichten,  und  noch  weniger  beide,  genau  erfüllt  zu  sehen.  In  diesem  Falle  wie  in  vielen
anderen,  ist  es  möglich,  daß  die  Verletzung  der  einen  die  Einhaltung  der  anderen  erleichtert ­
  .  .  .  Aber  der  Moralist  kann  unter  keinem  Vorwand  sich  davon  befreien,  die
Ausübung  der  einen  und  der  anderen  anzuraten.  Das  Übrige  muß  jedem  einzelnen
selbst  überlassen  werden“  (S.  600).
2 )  „Ich  würde  untröstlich  sein,  irgend  etwas,  direkt  oder  indirekt,  zu  sagen,  das
in  einem  der  Tugend  entgegengesetzten  Sinne  ausgelegt  werden  kann.  Ich  glaube  aber
nicht,  daß  die  Fehler,  um  die  es  sich  handelt  (welche?  sie  müßten  genannt  werden:
Präventivverkehr  ?  Onanismus  ?  Prostitution  ?  Malthus  unterläßt  es  stets,  sie  genauer
zu  bezeichnen),  in  Fragen  der  Moral  für  sich  allein  angesehen  werden  dürfen,  noch  auch,
daß  sie  die  schwersten  sind,  die  man  sich  vorstellen  kann“  (S.  489).
,Ich  zögere  keinen  Augenblick  zu  behaupten,  daß  die  Klugheit  (es  ist  zu  bemerken, ­
  daß  es  sich  hier  nicht  mehr  um  moral  restraint,  sondern  um  prudential
restraint  handelt),  die  von  einer  unbedachten  Heirat  abrät,  ein  einem  vorzeitige 11
Tod  vorzuziehendes  Hindernis  ist“  (S.  600).
Damit  sind  wir  weit  von  der  1.  Ausgabe  entfernt,  in  der  er,  strenger,  als  Präventivmittel ­
  keinen  abwägenden  Mittelweg  zwischen  „Keuschheit  und  Laster“  zugab.
3 )  „Die  schmutzige  Armut  ist  unter  allen  Zuständen  am  wenigsten  für  die  Keuschheit ­
  günstig  ...  Es  gibt  so  tiefe  Armut,  daß  ein  in  ihr  geborenes  Mädchen  unrettbar
            
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