Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

klasse  keine  Hoffnung  irgendwelcher  Art  auf  eine  Besserung  ihres  Schicksals ­
  hat,  wenn  sie  nicht  damit  beginnt,  das  Wachstum  der  Bevölkerung
einzuschränken.  Einer  der  Gründe,  weshalb  er  dem  kleinbäuerlichen
Besitz  günstig  gesinnt  ist,  liegt  darin,  daß  er  eine  Beschränkung  der
Kinderzahl  bewirkt.  Er  konstatiert:  „das  Wachstum  der  französischen
Bevölkerung  ist  das  geringste  in  Europa“,  und  hält  dieses  Resultat  für
außerordentlich  ermutigend.
Um  dieses  schreckliche  Gesetz  zu  bekämpfen,  geht  er  sogar  so  weit,
das  Prinzip,  das  er  sonst  überall  verteidigt,  das  der  Freiheit,  zu  opfern.
Er  verlangt  nämlich,  daß  das  Gesetz  ausdrücklich  die  Ehe  zwischen  Armen
verbiete 1 );  wir  wissen,  daß  Malthtjs  sich  entschieden  hiergegen  ausgesprochen ­
  hatte.  Nicht  in  seinen  „Prinzipien“,  sondern  gerade  in  dem
Buche,  das  den  Titel  die  Freiheit  trägt,  verlangt  Stuart  Mill  diesen
entsetzlichen  Zwang!
Allerdings  hat  er  dieses  letztere  Buch  teilweise  zusammen  mit  seiner
Frau  geschrieben.
4.  Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  —  Dieses  Gesetz ­
  bestimmt  den  Wert  eines  jeden  Erzeugnisses  und  auch  den  der  produktiven ­
  Dienste:  Arbeit,  Kapital  und  Boden.  Gewöhnlich  wird  es  in
folgender  Weise  formuliert:  der  Preis  schwankt  im  gleichen  Verhältnis
zur  Nachfrage  und  im  umgekehrten  Verhältnis  zum  Angebot.  Es  ist
einer  der  bedeutsamsten  Beiträge  Stuart  Mill’s,  nachgewiesen  zu  haben,
daß  diese  Formel  unter  ihrer  anscheinend  mathematischen  Genauigkeit
nur  auf  einen  Circulus  viciosus  hinausläuft.  Wenn  nämlich  das  Angebot
und  die  Nachfrage  den  Preis  schwanken  lassen,  so  läßt  wieder  umgekehrt
der  Preis  Angebot  und  Nachfrage  schwanken.  Mill  berichtigt  es  daher,
indem  er  sagt,  daß  der  Preis  sich  auf  ein  solches  Niveau  einstellt,  daß  die
angebotenen  und  nachgefragten  Mengen  gleich  werden,  und  die  Preisschwankungen ­
  haben  gerade  die  Wirkung,  diese  Übereinstimmung  herbeizuführen,
  ebenso  wie  die  Schwingungen  des  Balkens  an  der  Wage  nach

anzusehen,  wie  die  Trunksucht  oder  alle  anderen  körperlichen  Ausschweifungen.  Solange ­
  aber  die  Aristokratie  und  die  Geistlichkeit  die  ersten  sind,  das  Beispiel  der  Unmäßigkeit ­
  zu  geben,  was  soll  man  da  von  den  Armen  erwarten?“
Er  beklagt  sich  darüber,  daß  die  christliche  Religion  durch  einen  selbstzufriedenen ­
  Glauben  an  die  Vorsehung  den  Anschein  erweckt,  als  ob  Gott  zahlreiche
Familien  segne.
')  „Die  Gesetze,  die  in  einer  großen  Anzahl  Staaten  des  Kontinents  die  Eh e
verbieten,  wenn  die  Parteien  nicht  nachweisen  können,  daß  sie  imstande  sind,  eine
Familie  zu  ernähren,  überschreiten  nicht  die  berechtigte  Macht  des  Staates  .  .  •  Man
kann  ihnen  nicht  vorwerfen,  die  Freiheit  zu  beschränken  (Liberty,  S.  198  der  franz.
Ubers,  von  Dupont-White).
Dagegen  betrachtet  es  aber  Mill  als  eine  Verletzung  der  Freiheit,  wenn  die  Zahl
der  Kneipen  durch  ein  Gesetz  begrenzt  wird,  weil  das  hieße,  die  Arbeiter  wie  Kinder
zu  behandeln!  (Ebenda,  S.  186.)
            
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