Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Auf  der  anderen  Seite  hatte  Smith  seihst  auch  außerhalb  seines
Verhältnisses  zu  den  Physiokraten  eine  besondere  Vorliebe  für  die  Landwirtschaft. ­

Nichts  ist  falscher,  als  in  Smith,  wie  man  es  manchmal  tut,  einen
Vorläufer  oder  Ankündiger  des  Industrialismus  zu  sehen  und  ihn  in  dieser
Hinsicht  den  Physiokraten,  den  Verteidigern  der  Landwirtschaft,  gegenüberzustellen. ­
  Als  1776  der  Wealth  of  Nations  erschien,  hatte  die
ökonomische  Umgestaltung,  die  in  der  Geschichte  unter  dem  Namen  der
„industriellen  Umwälzung“  bekannt  ist,  und  die  in  der  rapiden  Ersetzung
der  kleinen  Hausindustrie  in  England  durch  die  große  maschinelle  Industrie ­
  bestand,  kaum  begonnen.  Zwar  hatte  Hargreaves  schon  1765
seine  Spinnmaschine  und  Arkwright  1767  seine  Wassermaschine  (waterframe)
  erfunden,  die  der  Baumwollenindustrie  ihren  großen  Aufschwung
gestatteten.  Zwar  hatte  James  Watt,  den  SmPth  gut  kannte 1 ),  1769  ein
Patent  auf  seine  Dampfmaschine  genommen;  aber  diese  Erfindungen  sind
noch  ganz  neu,  haben  noch  keine  Zeit  gehabt,  die  industrielle  Ordnung  zu
verändern,  und  viele  der  bedeutenderen  Maschinen  wie  die  Mulemaschine
Crompton’s 2 )  (1779),  die  Spinnmaschine  Cartright’s  (1785)  waren  noch
nicht  erfunden.  Diese  Daten  sind  beredt.  Die  industrielle  Umwälzung
hatte  gerade  damals  begonnen,  als  Smith  sein  Buch  veröffentlichte.  Da
andererseits  verschiedene  seiner  Hauptideen  sich  schon  in  Glasgower  Vorlesungen ­
  finden,  wie  er  sie  dort  etwa  1759  hielt,  ist  es  unmöglich,  einen
wirklichen  Zusammenhang  zwischen  der  industriellen  Entwicklung,  die
sich  eben  vorbereitete,  und  der  Auffassung  des  Völkerreichtums  herzustellen. ­
  Man  kann  nicht  einmal  sagen,  daß  Smith  bei  dem  Fehlen  der
mechanischen  Industrie  von  der  Herrschaft  der  Manufaktur,  wie  Marx
angenommen  hat 3 )  einen  besonders  starken  Eindruck  erhalten  habe,

zu  seiner  Verwertung  beizutragen.  „Das  Einkommen,  welches  jemand  aus
der  Verwaltung  oder  Verwendung  von  Kapital  bezieht,  heißt  Gewinn  (Profit).  Dasjenige ­
  Einkommen  aber,  welches  jemand  aus  dem  Kapital  zieht,  das  er  nicht  selbst
verwendet,  sondern  einem  anderen  leiht,  heißt  Geldzins  oder  Interessen“  (I,  S.  29,
B.  I,  Kap.  VI).  J.-B.  Say  war  der  erste,  der  den  Begriff  Unternehmer  klar  hervorhob. ­
  Wenn  Smith  die  Funktionen  des  Unternehmers  besser  unterschieden  hätte,  würde
er  wahrscheinlich  bemerkt  haben:  1.  daß  der  industrielle  Unternehmer  oft,  außer  dem
Kapitalzins,  noch  Miete  für  den  Grund  und  Boden  zahlt;  2.  daß  der  eigentliche  Profit
einen  Bestandteil  enthält,  der  der  Grundrente  analog  ist.  Smith  betrachtet  aber  den
Profit  nur  als  Entschädigung  für  das  übernommene  Risiko  oder  als  Lohn  für  die  Arbeit
der  Leitung.
*)  James  Watt  eröffnete  seine  Werkstatt  1756  in  dem  Gebäude  der  Universität
Glasgow,  für  die  er  Präzisionsinstrumente  herstellte.  Die  Zünfte  hatten  ihm  das  Recht
verweigert,  einen  Laden  in  der  Stadt  zu  eröffnen.  Smith  fand  hierin  ein  Schulbeispiel
für  die  Engherzigkeit  und  den  Formelkram  des  Verordnungswesens.
2 )  Eine  Verbindung  der  beiden  Spinnmaschinen  von  Hargreaves  und  Arkwright.
3 )  Marx  nennt  Smith  „den  zusammenfassenden  politischen  Ökonomen  der  Manufakturperiode“. ­
  Das  Kapital  I,  4.  Ausg.,  S.  313,  Anm.
            
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