Full text : Die Frau und die Arbeit

Schachtel  bunt  durcheinandergeworfen  und  vermischt  sind.
In  den  stationären  Gesellschaftsstadien,  wo  alle  Individuen
von  denselben  politischen,  religiösen  und  moralischen
Ideen  durchdrungen  waren  und  jede  Klasse  ihre  eigenen
ererbten  feststehenden  Traditionen  in  Handeln  und  Gewohnheiten ­
  besaß,  bestanden  selbstverständlich  diese  Ursachen ­
  der  Reibung  oder  Leiden  nicht;  persönliche  Differenzen ­
  und  Zwiespalt  mögen  durch  persönliche  Habgier,
Ehrgeiz  oder  Selbstsucht  entstanden  sein,  nicht  aber  durch
widersprechende  Auffassung  von  Recht  und  Unrecht,  von
dem,  was  erstrebbar  und  nicht  erstrebenswert  auf  allen  Gebieten ­
  des  menschlichen  Lebens  sei.*
Drittens  beruht  die  Unrast  und  die  Not,  die  unserer  Zeit
eigen  ist,  auf  Konflikten,  die  sich  in  dem  Individuum  selbst
abspielen.  Die  Veränderungen  in  unserer  Umgebung  und
dem  Stand  des  Wissens  sind  so  rasche,  daß  man  im  Lauf
eines  einzigen  Menschenlebens  durch  ein  halbes  Dutzend
Phasen  des  Wachstums  hindurchgeht.  In  bestimmten  Ideen
und  Gewohnheiten  geboren  und  aufgewachsen,  haben  er
oder  sie,  ehe  das  mittlere  Lebensalter  erreicht  ist,  wiederholt
Gelegenheit,  ihre  Traditionen  zu  erweitern,  zu  ändern  oder
ganz  beiseite  zu  werfen.  Im  Innern  dieses  Menschen  besteht ­
  in  verstärkter  Form  derselbe  Kampf,  derselbe  Konflikt ­
  und  dieselbe  Disharmonie,  welche  in  der  Gesellschaft
als  ganzes  zwischen  ihren  verschiedenen  Mitgliedern  entsteht. ­
  Und  es  ergeben  sich  schmerzliche  Momente  für  das
*  Nur  wer  in  Berührung  mit  solch  stationären  und  homogenen  Gesellschaftskörpem
  gekommen  ist,  wie  mit  afrikanischen  Stämmen,  ehe  sie
mit  Europäern  in  Kontakt  kamen,  oder  mit  den  Buren  in  Südafrika  vor
zwanzig  Jahren,  kann  sich  eine  richtige  Vorstellung  machen,  wie  vollständig ­
  frei  von  ethischen  und  sozialen  Problemen  und  sozialen  Reibungen
solch  eine  Gesellschaft  sein  kann.  Bei  dem  Studium  derartiger  Gesellschaftszustände ­
  drängt  sich  lebhaft  die  Gewißheit  auf,  daß  der  Schlüssel
zum  Verständnis  der  Hälfte  und  mehr  als  der  Hälfte  der  Erscheinungen
in  unserer  eigenen  Welt  nur  in  dem  raschen  Wandel  der  Verhältnisse  zu
finden  ist,  der  notwendig  einen  gleich  raschen  Wandel  unserer  Vorstellungen, ­
  Ideale  und  Einrichtungen  mit  sich  bringt.

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