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der Vergangenheit, so oft eine gewisse Stufe materieller
Kultur erreicht war, eine seltsame Tendenz zum Parasiten
tum der Frauen gezeigt. Die sozialen Bedingungen gehen
dahin, die Frauen jeder Art tätiger, bewußter, sozialer Ar
beit zu berauben und sie gleich der Zecke allein auf
die passive Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen zu be
schränken.
Das Resultat des Parasitismus aber war unabänderlich
der Verfall der Lebenskraft und Intelligenz des weiblichen
Geschlechtes, dem nach einer längeren oder kürzeren
Periode auch der Verfall der männlichen Nachkommen
schaft und ihrer ganzen Gesellschaftsklasse folgte.
Nichtsdestoweniger haben in der Vergangenheit die Ge
fahren des Geschlechtsparasitismus niemals mehr als einen
kleinen Teil des weiblichen Geschlechtes bedroht, aus
schließlich die Frauen irgendeiner verhältnismäßig klei
nen herrschenden Rasse oder Klasse, während die Masse
der Frauen doch gezwungen blieb, mannigfache Arten an
strengender Tätigkeit auszuüben. In der Jetztzeit aber,
unter den besonderen Umständen unserer modernen Zi
vilisation ist es das erstemal, daß der Geschlechtsparasi
tismus früher oder später zu einer Gefahr für die Masse
der zivilisierten Frauen, vielleicht endlich für ihre Ge
samtheit wird.
Auf der frühesten Stufe menschlicher Entwicklung war
der Geschlechtsparasitismus und die Degeneration des Wei
bes keine denkbare Quelle sozialer Gefahr. Wo die Lebens
bedingungen es unausweichlich machten, daß alle Arbeit in
einer Gemeinschaft von den Mitgliedern dieser Gemein
schaft selbst ausgeführt werden mußte ohne Hilfe von
Sklaven oder Maschinen, hat immer mehr die Tendenz be
standen, den Frauen eine übergroße Arbeitslast aufzubür
den. Unter keinen Verhältnissen, zu keiner Zeit, nirgends
in der Weltgeschichte haben die Männer irgendeiner Peri
ode, irgendeiner Nation oder Klasse die leiseste Neigung