Metadata: Lebenserinnerungen

entwickelt hat. Die Bedeutung dieses Lehrerstandes für die Bildung 
unseres Volkes stand mir auster allem Zweifeh es war hier ein 
eifriges Bildungsstreben unverkennbar, eine Sehnsucht zugleich nach 
mehr Dreiheit und nach mehr Lebensgehalt. Das Lrziehungswerk 
ist in unserem Leben viel zu selbständig geworden, um sich der Kirche, 
sa auch dercheligion unbedingt unterzuordnen; diegeistige Lrhöhung 
des ganzen Menschen must das Hauptziel sein. Die akademischen 
Kreise aber konnten keine schönere Üufgabe finden, als dieses Streben 
zu fördern und in die richtigen Bahnen zu leiten. Lo habe auch ich 
es getan. Zuerst kamen die Lehrer nach Jena zu besonderen Kursen, 
sodann aber dehnte die Sache sich über ganz Thüringen aus. Ls 
wurde so eingerichtet, dasi der Dozent jedesmal zwei Stunden sprach, 
und dast diese Stunden einen zusammenhängenden gegenständ 
kulturgeschichtlicher, ethischer, religionsgeschichtlicher, überhaupt 
philosophischer Ürt behandelten. Diese Vorlesungen wurden durch 
eine cheihe von Wochen fortgesetzt; auch das machte sie den 
üblichen vereinzelten Vorlesungen für das sogenannte gebildete 
Publikum überlegen, dast sie den gemeinsamen Interessen eines 
tüchtigen und aufstrebenden Standes genau entsprechen konnten. 
Diese Tahrten, welche ich namentlich chik Beginn des Jahrhunderts 
antrat, boten mir selbst viel Anregung und Treude. Die Be 
wegung begann von gotha aus, sie hat sich dann durch ganz 
Thüringen verbreitet. Ich habe wohl zwölf verschiedene Orte be 
sucht und an mehreren Orten wie in gotha, Arnstadt, Lrfurt, 
Schmalkalden, Naumburg wiederholt gesprochen. Dadurch habe 
ich das Thüringer Land und auch die Thüringer Menschen besonders 
gut kennen gelernt, und ich habe in diesen Kreisen manche anregen 
den und frohen Stunden verbracht. Dasi die Tahrten bisweilen 
etwas anstrengend waren, hat diese Treude keineswegs vermindert; 
auf meine gesundheit konnte und kann ich mich vollauf verlassen. 
Weiter aber habe ich auch außerhalb Thüringens verschiedene 
Vortragszyklen gehalten, so namentlich in Bremen, wo mich der 
Lehrerverein dazu einlud, so auch in Hamburg, wo die Oberschul 
behörde die Sache leitete. Tür mich war es ein grosier gewinn, dasi 
ich dadurch eine engere Beziehung zu aufstrebenden Bevölkerungs 
klassen gewann und zugleich meine Darstellung vom blast öchul- 
mästigen befreien konnte; als höchstes Ziel mustte mir dabei 
vorschweben, in dieser zerrissenen und unsicheren Zeit unserem Volk 
ein geistiger Tührer und Berater zu werden; mir selbst aber gewann 
damit das Leben mehr Weite und Trejheit. 
Inzwischen gingen aber auch die wissenschaftlichen Arbeiten 
eifrig weiter; es erschienen lyOZ die „gesammelte Aufsätze zur Philo 
sophie und Lebensanschauung", 1907 die „gründlichen einer neuen 
Lebensanschauung" sowie eine Schrift über die „Hauptprobleme
	        
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