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Bildende Kunst.
Entwicklung der malerischen Wiedergabe der Wirklichkeit von
keiner anderen Seite her als von der tieferen Erfassung der
Probleme des Lichtes erfolgen konnte. Und hier wiederum
war nun die Grundlage alles Fortschrittes in der Einsicht ge—
geben, daß ein Bild nicht mehr aus der Zeichnung konstituiert
werden könne, da wir in der künstlerisch-anschaulichen Wirklich—
keit niemals Linien erblicken, sondern nur aus Lichteindrücken;
denn was wir auch sehen, alles setzt sich aus Lichteindrücken
zusammen. Das Studium des Lichteindrucks: das war daher
die neue Losung. Und da ergab sich denn langsam, in grad—
mäßig steigender Erkenntnis, daß es überhaupt nicht bloß ein
Licht gebe, sondern tausend Lichter, daß ein abstraktes Licht
für die Anschauung überhaupt nicht vorhanden sei, sondern eine
ungeheure, niemals ganz zu ergründende Unendlichkeit von
farbigen Lichtern — von farbigen Lichtern auch in den Schatten.
Denn kein Schatten ist schwarz und lichtlos, wie man bis da—
hin im Grunde geglaubt hatte: auch die Finsternis noch hat
ihre Lichter.
So kam es darauf an, das Bild aus Lichteindrücken auf—⸗
zubauen: einfach, wie sie sich darbieten, aber freilich in den kaum
zu bewältigenden Summen der unendlichen Abstufung ihrer
Nüancen sollten sie wiedergegeben werden. Was ergab sich da für
die Komposition? Konnte jetzt die Frage nach ihr nicht im
Grunde als etwas, an der älteren Kunst gemessen, Willkürliches
erscheinen? Schnitt ein Bild nicht immer in mehr oder minder
brutaler Weise ein Stück heraus aus der unendlichen räum—
lichen Symphonie des Lichtes? So konnte man dazu kommen,
jede Komposition überhaupt zu verwerfen, — eine Summe von
fesselnden, künstlerisch erhebenden Lichteindrücken, ein Ausschnitt
aus dem leuchtenden Fluidum war das Bild, nichts weiter.
Aber war nicht gerade in der Auswahl des künstlerisch Inter—
essanten doch auch ein Grundsatz, ein Keim neuer Kompositions—
kunst gegeben? Konnte man in der allgemeinen Lichtsymphonie
nicht gleichsam Sätze, Abschnitte herauszugreifen suchen von
besonderer Geschlossenheit? Etwa Momente, die ein feines
Spiel von Nüancen derselben Farbe aufwiesen, deren Rhythmen