Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
allmähliche Farbenverschiebung über Braun in Grün und 
Blau aufweist. 
Nun kam die neue Kunst mit ihrem einzigen Element, dem 
abschattierten Lichteindruck. Wie anders sah sie die Unsumme 
von farbigen Widerscheinen der in der Luft befindlichen Wasser— 
bläschen und sonstigen leise Reflexe hervorrufenden Elemente: 
wie erschien ihr das Fluidum dieser Luft auf zehn Meter 
anders gefärbt als auf zwanzig, auf zwanzig anders als auf 
dreißig und so fort! Und erst hinter diesen Luftschichten, die 
durch einen ununterbrochenen Übergang von Nüancen farbigen 
Lichtes miteinander verbunden waren, lagen die Gegenstände, 
wurden durch sie wie durch unendlich fein abschattierte farbige 
Gläser gesehen! Es war klar, hier ergaben sich die Elemente einer 
ganz anders genauen Wiedergabe der räumlichen Vertiefung 
als sie die Linearperspektive bieten kann: gewiß wurden deren 
Gesetze auch fürderhin, aber jetzt in ihrer durchaus natürlichen 
Form angewandt; aber sie wurden verfeinert und aufs wesent— 
lichste ergänzt durch die eingehende Wiedergabe der jeweils 
bestehenden Luftreflexe je nach der Entfernung. 
Es war eine Wandlung, die sich am ehesten, weil ein— 
fachsten da vollziehen konnte, wo große Tiefen die Veränderung 
der belichteten und widerscheindurchtränkten Luft leichter zu 
beobachten gestatteten. Dies war in der Landschaft der Fall: 
darum hat sich die neue Kunst am liebsten und auch am orga— 
nischsten in der Landschaftsmalerei entwickelt. Im allgemeinen 
erst später, nachdem man die Probleme der Landschaft schon 
gelöst hatte, ist man dann zu der schwierigeren Bewältigung 
auch des Malerischen der Innenräume fortgeschritten. 
Indem nun aber so in jeder Beziehung, und vor allem 
auch in der Behandlung des Raumes, mit der Konstituierung 
des Bildes aus dem Lichteindruck Ernst gemacht wurde — ein 
Vorgang, der sich äußerlich u. a. auch darin zeigte, daß man 
weit mehr als früher in freier Luft malte —, ergab sich eine 
Schwierigkeit, die für das Verständnis jener idealistischen Kunst— 
formen von großer Bedeutung ist, die aus dem malerischen
	        
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