V. Überstaatliche Bindungen des Ichs
Juden ist nicht hundert Jahre alt, sondern sie hat vor hundert
Jahren begonnen und ist heute noch nicht vollendet. Diese hundert
Jahre aber sind eine außerordentlich kurze Zeit.“
„Das im eigentlichen Sinn Jüdische ist zusammengedrängt in
einigen wenigen Berufen: Statt daß die Juden verteilt wären, sind
sie zusammengefaßt an bestimmten engen Stellen, und dadurch belasten
und belästigen sie selbstverständlich den Gesamtorganismus.“
„Der Haß gegen die Juden beruht auf der Hypertrophie ihrer
wirtschaftlichen Eigenschaften; der ist keine bloße Empfindung,
sondern hat seine klaren Gründe.“
„„Mit alldem soll nicht die Abneigung zahlloser Deutscher gegen
die Juden bestritten werden. Sie besteht und ist historisch durchaus
erklärlich. Wir Juden brauchen Zeit; wir erwarten die demokratische
Epoche, in der die Juden nicht in der Opposition und Kritik stehen,
sondern sich mehr verteilen, vielfältig wirken und gemach ihre
Einseitigkeit ableben können.““
Lissauer stellte der Goldsteinschen Forderung an die deutschen
Juden, in Deutschland „„eine palästinensische Enklave‘“ zu bilden, die
andere entgegen: „„Nur zweierlei ist möglich, entweder auswandern,
oder deutsch werden““). Und er entscheidet sich vorbehaltlos fürs
Deutschwerden. Aber eben doch: fürs ,„„Werden!“’ Darin liegt die
Anerkennung, daß man in hundert Jahren nicht so in eine bis
dahin fremde, wenn nicht feindliche Volksgemeinschaft hineinwachsen
kann, um mit Erfolg den Anspruch zu erheben, ihren Kulturbesitz
„zu verwalten“’ oder in ihrer Kultur die Führung zu übernehmen.
Die Einstellung eines rein deutsch empfindenden Ichs zu der
Stellungnahme der unterschiedlichen jüdischen Ichs gab Avenarius
in einem ausgezeichneten Aufsatze des zweiten Augustheftes 1912.
Auch er klagt darin mit Recht über die jüdische Überempfindlichkeit
die „Andersdenkende ohne weiteres als mittelalterliche Menschen
zu entwerten sucht‘’ und jeden, der das Bestehen einer Judenfrage
auch nur zugibt, schlankweg zum Antisemiten stempelt. Das hat
Avenarius nicht abgehalten, auszusprechen, was ist:
„Denken unsere jüdischen Mitbürger nun: und mögt ihr Nichtjuden
meinen, es seien unsrer zuviel an unsere Kulturarbeiter-Posten
gekommen, so hättet ihr doch keinen Grund, mit der Art der Aus-0
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