Full text: Die deutsche Wirtschaft

Deutsche Wasserstraßenpolitik, 361 
einem Vergleich mit der französischen Binnenschiffahrt, Das franzö- 
sische Wasserstraßennetz ist mit 12 000 km, die etwa je zur Hälfte auf 
Flüsse und Kanäle entfallen, umfangreicher als das deutsche. Es wurden 
jedoch dort im Jahre 1922 nur 30 Millionen Tonnen Güter, d, h. halb so- 
viel wie auf den deutschen Wasserstraßen, befördert. Was die Binnen- 
schiffahrt für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet, erhellt auch aus 
einem Vergleich mit der Seeschiffahrt, Die gesamte Tragfähigkeit der 
deutschen Binnenschiffe war schon vor dem Kriege größer als die der 
Seehandelsflotte und wird gegenwärtig jene um mehr als das Doppelte 
übertreffen, Im Jahre 1913 wurden auch fast doppelt soviel Güter auf 
den Binnenschiffen befördert als im Seeverkehr der deutschen Häfen. 
In den Jahren 1922 und vor allem 1923, in denen der seewärtige Güter- 
verkehr, namentlich infolge der erhöhten Einfuhr englischer Kohlen, 
einen bedeutenden Aufschwung nahm, blieb jedoch die Binnenschiff- 
fahrt hinter dieser Entwicklung, namentlich durch den Ruhreinbruch, 
zurück, Ebenso wie Eisenbahn und Binnenschiffahrt aufeinander ange- 
wiesen sind, ist auch das Gedeihen von See- und Binnenschiffahrt mit- 
einander verknüpft, Wenn auch die Eisenbahnpolitik der Binnenschiff- 
fahrt wenig förderlich ist, geht ihr enger Zusammenhang doch daraus 
hervor, daß z, B. im Jahre 1922 bei einem Gesamtverkehr der Binnen- 
schiffahrt von knapp 60 Millionen Tonnen 30 Millionen Tonnen zwischen 
Eisenbahn und Wasserstraße umgeschlagen wurden. Die Entwicklung 
der deutschen Seehäfen und der Binnenwasserstraßen stand von jeher 
in engstem Zusammenhang, Die großen deutschen Seehäfen liegen an 
den Flußmündungen und konnten sich zum größten Teil nur dadurch zu 
ihrer Bedeutung entwickeln, daß die anschließenden Wasserstraßen 
durch ihre billigen Frachten ihren Einflußbereich weit in das Binnen- 
land hineintrugen, während andererseits, wie schon früher erwähnt, das 
Schwergewicht des deutschen Binnenwasserstraßenverkehrs auf dem 
Güterverkehr von und nach den Seehäfen beruht. 
IV, Ziele der Wasserstraßenpolitik. 
Nach den vorangegangenen Ausführungen über die Entwicklung 
der deutschen Wasserstraßen und ihres Verkehrs sowie über die Be- 
ziehungen zwischen dem Reich und der Binnenschiffahrt bestehen die 
künftigen Aufgaben der deutschen Wasserstraßenpolitik vornehmlich 
darin, eine einheitliche Wasserstraßenverwaltung zu schaffen, die 
Grundlagen für einen wirtschaftlichen Betrieb der Binnenschiffahrt zu 
verbessern, insbesondere das Zusammenarbeiten zwischen Binnenschiff- 
fahrt und Reichsbahn zu fördern, die vorhandenen Wasserstraßen zu 
vervollkommnen und durch Herstellung wichtiger Kanalverbindungen
	        
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