Full text : Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

in allen Städten und Gegenden des Landes sein Wesen oder Unwesen.
 Daneben gibt es da und dort Einrichtungen der staatlichen
oder gemeindlichen Stellenvermittlung. So hat z. B. die Staatsregierung
 vom Staate Wisconsin ihrem Arbeitsdepartement („Industrial
 Commission”) ein System der Arbeitsvermittlung angegliedert.
 Da aber keine Verpflichtung zur Anmeldung offener
Stellen besteht und somit der staatlichen Stelle jede Kontrolle und
Zwangsgewalt fehlt, ist ihre Wirksamkeit neben den vorhergenannten
 Faktoren der Arbeitsvermittlung nicht sehr bedeutend.
Ähnlich liegt es bei der staatlichen und kommunalen Vermittlung
für die früher erwähnten Erntearbeiter. Auch dort bestehen alle
Arten der Arbeitsvermittlung bunt nebeneinander.
Bei der grossen Zukunit, die mit zunehmender Erstarrung und
Kristallisierung der Verhältnisse aller Voraussicht nach der amerikanischen
 Gewerkschaftsbewegung beschieden sein wird, sind auf
allen diesen Gebieten im nächsten Menschenalter tiefgreifende
Änderungen zum Besseren zu erwarten. Der soziale Sinn beginnt
sich durchzusetzen und verdrängt schon jetzt auf manchem Gebiet
den überkommenen Individualismus. Und in Amerika läuft nicht
nur manches Verkehrsmittel schneller als hierzulande, sondern
auch die Entwicklung der sozialen Verhältnisse. Ist ein Gedanke
erst aufgegriffen, so braucht es zu dessen Durchführung weniger
Zeit als anderswo. |
8. Akkordarbeit.
Im Anschluss möge sogleich einiges über die Akkordarbeit in
Amerika hinzugefügt werden.
Es wird im Kreise amerikanischer Gewerkschafter nicht ohne
weiteres begreiflich gefunden, wenn ihnen berichtet wird, dass die
meisten der grossen deutschen Gewerkschaftsverbände die
Akkordarbeit nicht aus Prinzip ablehnen, während zrosse amerikanische
 Organisationen, wie der Verband der Maschinenschlosser,
die Akkordarbeit verwerfen und — z. B. in Chicago — ihre Mitglieder
 verpflichten, gegen ihre Einführung zu wirken. Es bedarf
auch in diesem Fall der Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse
 auf beiden Seiten. In den unorganisierten Betrieben wird die
Akkordarbeit (piece work) oft ohne die Garantie eines Mindestverdienstes,
 z. B. des ortsüblichen Stundenlohnes, und ohne jede
andere einschränkende Schutzbestimmung gemacht, so dass die
Akkordarbeit in solchen Betrieben zuweilen echte Schwitzarbeit ist.
Wird aber wirklich einmal bei einer Akkordarbeit in unorganisierten
 Betrieben gut verdient, dann ist bei der buntscheckigen
Zusammensetzung, dem grossen Wechsel der Arbeiterschaft und
dem Fehlen von Disziplin und Kollektivmoral in solchen Betrieben

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