thetische Geltung; beides, sowohl Empfindungsdata als Denkinhalte,
werden von uns auf ein gegenständliches, von unserem Bewußtsein
unabhängiges Sein bezogen und als dessen Inhalt erkannt. Woher
kommt aber dieser Begriff des gegenständlichen Seins selber, ohne
Beziehung zu dem unsere Wahrnehmungen und Gedanken überhaupt
keinen Erkenntniswert haben? Wie gesagt, können wir zu ihm weder
durch Erfahrung, noch durch Denken gelangen. Sowohl Empirismus
als Rationalismus verkennen also das Zentralwesen, den Kernpunkt
der Erkenntnis. Zum Sein gibt es keinen äußeren Weg überhaupt;
denn jeder äußere Weg kann nur zu einem äußeren Zusammentreffen
führen, das eben nur für diesen Augenblick der Erkenntnis Gewähr
leistet. Der Sinn aber der Erkenntnis besteht eben in ihrer Tran-
szendenz, in der Gewißheit ihrer Geltung außerhalb des Erkenntnis-
aktes selber. Es muß also ein inneres Zeugnis vom Sein geben, ohne
das die Tatsache der Erkenntnis unerklärbar bleibt. Dieses innere
Zeugnis ist eben der Glaube — nicht im gewöhnlichen Sinne eines
blinden, unbegründeten Fürwahrhaltens, sondern im Sinne einer
primären und ganz unmittelbaren Evidenz, eines mystischen Ein-
dringens in das Sein selber.
Dieser Gedankengang von Solowjew, der, wie der Kundige sofort
einsehen kann, gewisse Anklänge an die Ideen von Jacobi, aber auch
von Baader und von der Schellingschen Philosophie der letzten Periode
enthält, birgt in nuce eine ontologische Erkenntnistheorie, gegründet
auf einer prinzipiellen Kritik des Idealismus, in sich. Um sie aber
richtig würdigen zu können, müssen wir vorher in allgemeiner Form
ein anderes Prinzip der russischen Weltanschaung in Betracht ziehen.
Mit dieser Richtlinie der russischen Weltanschauung, die durch den
Begriff der Lebenserfahrung, als der Grundlage der Wahrheitserkennt-
nis bestimmt wird, steht nämlich in engem Zusammenhange ein an-
derer, scharf ausgeprägter Zug der russischen Weltanschauung: das
ist ihr Hang zum Realismus oder, besser gesagt, zum Ontologismus,
die Unmöglichkeit für sie, sich mit irgendeiner Form von Idealismus
oder Subjektivismus zu befriedigen. Es ist in diesem Sinne sehr
symptomatisch, daß, trotz dem größten Interesse, das immer in Ruß-
land der deutschen Philosophie entgegengebracht wurde, weder Kant
noch Fichte jemals eine irgendwie tiefe und nachhaltende Wirkung
in Rußland gehabt haben. Dagegen war die Wirkung der mehr onto-
logisch gehaltenen Systeme von Hegel und Schelling außerordentlich
groß. Auch ist die Kritik der kantischen Philosophie und der Kampf
gegen den Kantianismus ein ständiges Thema des russischen philo-
sophischen Denkens.
Il.
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