ausschließlich in der Hand der Fürsten, ihrer wenigen Vertrauten und Heer-
führer. Und wie mittelmäßig waren diese Männer ! Ich habe mehrere unter
ihnen gekannt und mit mehreren auch verkehrt. Der alte Kaiser von Öster-
reich war von Menschen ‚umgeben, die meist weder Autorität noch Ernst
hatten. Vielleicht wollte er den Frieden ; aber alle rissen ihn zum Kriege fort.
Um über die Tragödie Klarheit zu gewinnen, muß man Menschen wie Berch-
told gekannt haben. Dieser Minister besaß weder Klugheit noch Ernst, noch
genug Würde, um eine Werkstatt von zehn Arbeitern nutzbringend zu leiten,
Und doch lenkte und entschied er die Geschicke eines Reiches von 54 Milli-
onen Menschen ! Der mystische, beschränkte und abergläubische Nikolaus von
Rußland wollte vielleicht auch den Frieden und fand sich gegen seinen
Willen in den Krieg gezogen. Aber was vermochte sein schwacher Wille gegen
Menschen wie den Großfürsten Nikolaus und gegen gewissenlose Individuen
wie Sasonow und Iswolski? Was waren mit wenigen Ausnahmen ‘die
Menschen, die Wilhelm II. in seiner grenzenlosen, dabei prätentiösen Ur-
teilslosigkeit bevorzugte ?
Jede absolutistische Macht neigt zu Mißbrauch und daraus folgendem
Verfall. Die drei großen europäischen Kaiserreiche befanden sich in solcher
Konfliktstellung, daß der Krieg unvermeidlich war. Und zwanzig oder dreißig
Personen verfügten über das Geschick von über dreihundert Millionen Men-
schen. Ihre Verträge, ihre Zwistigkeiten, ihre Unternehmungen, Pläne, zu-
weilen sogar ihre finanziellen Abenteuer waren allen Bürgern, auch den am
besten unterrichteten unter ihnen, ja manchmal selbst den verantwortlichen
Ministern unbekannt.
Aber auch in den demokratischen Staaten wurden die bedeutendsten und
gefährlichsten Wagnisse ohne die Zustimmung der Parlamente, ja manchmal
selbst ohne die der Ministerien unternommen, und die Parlamente mußten
die vollendete Tatsache anerkennen. In Italien wurde das Iybische Unter-
nehmen, das den italienisch-türkischen Krieg und dann die zwei Balkan-
kriege herbeiführte (welche wiederum den europäischen Konflikt einleiteten),
ohne ein bestimmtes Votum des Parlaments, sogar ohne den Spruch des
Ministerrates begonnen. Aüch 1915 trat Italien ohne Entscheidung des Mi-
nısterrats in den Krieg ein.
Selbst im demokratischen Frankreich mit seinen alten parlamentarischen
Traditionen hattedas Parlamentvon den Maßnahmen keine Kenntnis, welche die
äußere Politik bestimmten. Manchmal wurde diese nur ganz Wenigen bekannt.
Nur die Verfassung der Vereinigten Staaten Amerikas beschränkt vielleicht
das Wirkungsgebiet des Präsidenten und der Staatssekretäre in genügendem
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