Full text: Die politische Ökonomie des Rentners

Zwei Gründe für die VUeberschätzung der gegenwärtigen Güter 145 
dem zukünftigen gleichkommen‘; 2. die gegenwärtigen 
Bedürfnisse/ sind wichtiger; :— in diesem Falle 
überwiegt der Wert des gegenwärtigen Gutes den des zukünftigen, 
da dieses seinen Wert erst von den zukünftigen Bedürfnissen ab- 
leitet, keinesfalls aber von den gegenwärtigen. Daraus folgt, da ß 
die gegenwärtigen Güter den zukünftigen im 
Werte gleich, keinesfalls aber niedriger als 
sie sein können. Aber auch ihre Gleichstellung ist nach 
Böhm-Bawerk dadurch vermindert, daß die Möglichkeit der rela- 
tiven Verschlechterung der materiellen Lage in der nächsten 
Zukunft immer besteht: Diese Möglichkeit gewährt den gegen- 
wärtigen Gütern einige Chancen mehr für vorteilhaftere Verwen- 
dung, was in bezug auf die zukünftigen Güter nicht der Fall sein 
kann: „Die gegenwärtigen Güter sind also den künftigen im 
schlimmsten Falle an Wert gleich, in der Regel um die Ver- 
wendbarkeit als Reservevorrat im Vorteil®.“ Eine Ausnahme 
bilden nach Böhm-Bawerk nur diejenigen Fälle, in denen die 
Aufbewahrung der gegenwärtigen Güter mit Schwierigkeiten ver- 
bunden oder überhaupt unmöglich ist. Und so ergeben sich drei 
Kategorien von Personen: 1. Eine sehr große Anzahl derselben 
ist in der Gegenwart in schlechteren Verhältnissen als in der Zu- 
kunft, — sie schätzen demnach die gegenwärtigen Güter höher 
als die zukünftigen; 2. eine zweite, ebenfalls sehr zahlreiche 
Gruppe, die die gegenwärtigen Güter als Reservevorrat aufhebt, 
um sie in der Zukunft verwenden zu können, — sie schätzen die 
gegenwärtigen Güter entweder gleich den zukünftigen oder etwas 
höher als diese; und endlich 3. eine geringe Schicht von Per- 
sonen, bei denen „die Kommunikation von Gegenwart und Zu- 
kunft durch besondere Umstände gehindert oder bedroht ist,“ — 
sie schätzen die gegenwärtigen Güter niedriger ein als die zu- 
künftigen. Im großen ganzen haben aber die subjektiven Wert- 
schätzungen die Tendenz, höher zu sein, wenn es sich um gegen- 
wärtige Güter, und niedriger, wenn es sich um zukünftige Güter 
handelt. 
So der „erste Grund“ der VUeberschätzung der gegenwärtigen 
Güter. 
Wenden wir uns nun der Analyse dieses „Grundes‘“ zu. Vor 
allem ist hervorzuheben, daß eine derartige Fragestellung über- 
* ...dann wird das gegenwärtige Gut auch den letzteren (den zukünf- 
tigen. N. B.) vorbehalten werden und von ihnen den Wert ableiten: dann 
steht es also im Wert einem künftigen Gute, das derselben Verfügung dienst- 
bar werden könnte, eben gleich“ („Positive Theorie“, S. 442). 
5 Ib. 8. 443. 
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