145 Die Profittheorie (Fortsetzung)
haupt geschichtlich beschränkt ist, nämlich sie gilt nur
bei einer Tauschwirtschaft und ist bei allen Arten der Naturalwirtschaft
ganz und gar unmöglich. Und dabei gilt letztere Behauptung
nicht nur für schwer aufzubewahrende Güter, sondern,
worauf bereits Pierson und Bortkievitz hinwiesen, auch für andere:
„Jemand, dem solche Mengen Kohlen, Wein usw. zur Verfügung
gestellt würden, als er voraussichtlich in seinem ganzen
Leben nötig haben wird, würde sich dafür schön bedanken, —
bemerkt bei der Besprechung der Böhm-Bawerkschen Theorie
Pierson, der übrigens dieser Theorie im wesentlichen beipflichtet,
— mit dem Geld sei es allerdings eine andere Sache®.‘“
Wir sahen ferner, daß die Ueberschätzung der gegenwärtigen
Güter im Vergleich zu den künftigen nach Böhm-Bawerk in
hohem Maße darauf beruht, daß die gegenwärtigen Güter auch
die wichtigeren zukünftigen Bedürfnisse befriedigen können, von
denen sie auch ihren Wert ableiten. Angenommen, wir haben
mit einer Person zu tun, die in der Gegenwart relativ gut gesichert,
für. die Zukunft aber weniger sicher gestellt ist. Die 10
Gulden, die sich jetzt in ihrem Besitz finden, befriedigen jetzt
ein Bedürfnis von 100 Einheiten; da diese Person in der Zukunft
nur über eine geringere Summe verfügen würde, so würde sich
auch der Wert der 10 Gulden, sagen wir, auf 150 Gulden erhöhen.
Daraus müßte geschlossen werden, daß die zukünftigen 10 Gulden
von der besagten Person höher geschätzt werden müssen
als die gegenwärtigen 10 Gulden. Indessen zieht Böhm-Bawerk
einen anderen Schluß, und zwar meint er: Da die gegenwärtigen
10 Gulden aufgehoben und somit auch in der Zukunft verwendet
werden können, so besitzen sie bereits in der Gegenwart
den Wert der zukünftigen Gulden. Auf solche Weise wird
der zukünftige Wert in die Gegenwart projiziert. Doch widerspricht
diese Voraussetzung — die Möglichkeit der Uebertragung
des Wertes des künftigen Gutes auf das Gegenwartsgut, dem
Böhmschen Grundgedanken der Entstehung des Profits. Was
würde sich z. B. ergeben, wenn wir die Böhmsche Annahme auf
die Produktionsmittel anwenden?
Jedes Produktionsmittel — Maschinen oder Arbeit — kann
in zweierlei Weise betrachtet werden: Als ein gegenwärtiges und
als ein zukünftiges Gut (ersteres nur insoweit, als die Möglichkeit
besteht, den Wert schon in der Gegenwart zu realisieren, und
auch eine stoffliche Form vorhanden ist, wie Maschinen usw.).
Wir können den Wert eines gegebenen Produktionsmittels in der
6 L. von Bortkievitz: „Der Kardinalfehler der Böhm-Bawerkschen Zinstheorie‘,
Schmollers Jahrbücher, Bd. 30, S. 947.
1