Full text: Die politische Ökonomie des Rentners

5 Einleitung 
Proletariat entgegengesetzt der Richtung, in der die Ent- 
wicklung der Rentnerbourgeoisie verläuft; während seine Psycho- 
logie kollektivistisch wird, ist die Entwicklung der individuali- 
stischen Richtungen eines der Grundmerkmale der Bourgeoisie. 
Der verschärfte Individualismus — das ist 
die zweite charakteristische Eigenschaft des 
Rentners. 
Der dritte charakteristische Zug des Rentners, wie überhaupt 
eines jeden Bourgeois, ist endlich die Furcht vor dem Prole- 
tariat, die Furcht vor den bevorstehenden so- 
zialen Katastrophen. Der Rentner ist nicht imstande vor- 
wärtszusehen; seine „Lebensphilosophie‘“ kann auf die Losung: 
„Genieße den Augenblick‘, „carpe diem‘ zurückgeführt werden; 
sein Gesichtskreis erstreckt sich lediglich auf die Gegenwart; 
„denkt“ er an die Zukunft, so denkt er sie sich nur nach dem 
Muster der Gegenwart; er kann sich überhaupt nicht solche Zeiten 
vorstellen, in denen Personen seinesgleichen keine Einnahmen aus 
Wertpapieren haben werden; entsetzt schließt er die Augen vor 
einer derartigen Perspektive, versteckt sich vor dem Kommenden 
und bemüht sich, in der Gegenwart die Keime des Zukünftigen 
nicht zu sehen; sein Denken ist durchaus unhistorisch. Anders 
die Psychologie des Proletariats: sie hat nichts von diesem Kon- 
servatismus des Denkens an sich. Der sich entfachende Klassen- 
kampf stellt das Proletariat vor die Aufgabe, das bestehende ge- 
sellschaftlich-wirtschaftliche System zu überwinden, das 
Proletariat ist nicht nur an der Erhaltung des sozialen status 
quo nicht interessiert, sondern gerade umgekehrt, es ist an dessen 
Zerstörung interessiert; es lebt hauptsächlich in der Zukunft; so- 
gar die Aufgaben der Gegenwart wertet es vom Standpunkte der 
Zukunft. Deshalb zeigt sein Denken schlechthin, besonders aber 
sein wissenschaftliches Denken, einen klar ausgeprägten dyna- 
mischen, historischen Charakter. 
So die dritte Antithese der Psychologie der 
Rentner und der Proletarier. 
Diese drei Züge des „sozialen Bewußtseins‘‘ des Rentners, die 
unmittelbar aus seinem „gesellschaftlichen Sein‘ entspringen, be- 
einflussen auch die höchsten Entwicklungsstufen seines Bewußt- 
seins, sein wissenschaftliches Denken. Die Psychologie bildet 
stets die Grundlage für die Logik, die Gefühle und Stimmungen 
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